Beschneidung (weiblich)

Genitalverstümmelung von Frauen!

"Die Einzelheiten der rituellen Beschneidung sind ein Geheimnis - sie werden einem Mädchen nicht erklärt. Du weißt nur, daß mit dir etwas Besonderes geschieht, wenn du an der Reihe bist. So kommt es, daß die jungen Mädchen in Somalia begierig auf die Zeremonie warten, durch die sie von einem Kind zur Frau werden. Ursprünglich führte man den Eingriff durch, sobald sie in die Pubertät eintraten, sobald die Mädchen fruchtbar wurden und in der Lage sind, selbst Kinder zu bekommen. Doch im Laufe der Zeit beschnitt man die Mädchen in immer jüngerem Alter - zum Teil auch deshalb, weil sie selbst darauf drängten, ihren besonderen Augenblick herbeisehnten wie ein Kind in den Industrienationen seinen Geburtstag oder das Weihnachtsfest."
Waris Dirie, Wüstenblume, S.51/52

Weibliche Genitalverstümmelung (FGM: Female Genital Mutilation) ist in ganz Ost- und Westafrika, im südlichen Teil der arabischen Halbinsel und entlang des Persischen Golfs, in einigen Ländern Asiens -Pakistan, Indien, Malaysia und Indonesien- verbreitet, geschieht aber auch in westlichen Einwanderungsländern wie Australien, Israel, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Deutschland, Kanada und den USA bei Migrantinnen. Beschneidungspraxis und -häufigkeit variieren in ihrer geographischen Ausbreitung, sie sind teils gebunden an ethnische und andernteils an religiöse Gruppen (vgl. die thematischen Karten). Schätzungen der bereits genitalverstümmelten am Leben gebliebenen Frauen liegen zwischen 130 und 150 Millionen. Jedes Jahr werden rund zwei Millionen Mädchen beschnitten, täglich sind es 6.000. Die Verstümmelung wird zumeist bei zwischen vier und acht Jahre alten Mädchen vorgenommen, geschieht aber auch im Säuglingsalter und bei jungen Frauen. Sie soll auf die Heirat vorbereiten, die Jungfräulichkeit muß gesichert, der Körper an die herrschenden Vorstellungen von Weiblichkeit angepaßt werden. In einigen Kulturen gelten die weiblichen Genitalien und insofern die unbeschnittene Frau als unrein, und die Beschneidung dient als ritueller Reinigungsakt. Resultate von Genitalverstümmelung sind Sterilität und Qualen beim Geschlechtsverkehr: So wird das sexuelle Verlangen der Frau kontrolliert, da zerstört.

Folgende vier Formen der Genitalverstümmelung werden unterschieden: Die Sunna (´Tradition´) bezeichnet die Entfernung der Klitorisvorhaut, ein sehr selten auftretender Brauch. Bei der Exzision bzw. Klitoridektomie werden Klitoris und kleine Schamlippen teilweise oder vollständig amputiert. Unter pharaonischer Beschneidung bzw. Infibulation versteht man die Entfernung der Klitoris und das entweder teilweise oder vollständige Wegschneiden der kleinen Schamlippen. Weiterhin werden die großen Schamlippen ausgeschabt, um daraufhin mit Dornen zusammengeheftet bzw. zusammengenäht zu werden. Oft wird nur noch ein streichholzkopfgroßes Loch zum Austritt von Urin und Menstruationsblut offengelassen. In die vierte von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) gebildetete Kategorie fallen verschiedene Variationsformen der Beschneidung weiblicher Geschlechtsorgane. Durchgeführt werden diese Beschneidungen in der Regel von speziellen Beschneiderinnen, traditionellen Hebammen oder Barbieren ohne Betäubung unter unhygienischen Bedingungen. Werkzeuge sind Rasierklingen, Messer, Scheren, Glasscherben, Deckel von Konservendosen. Unmittelbar nach dem Eingriff kann es zu schweren Blutungen, Infektionen und Schock kommen. Des weiteren treten Schädigungen an Harnröhre und After, Vernarbungen, Tetanus, Blasenentzündungen, Blutvergiftungen und Hepatitis B auf. Als Langzeitschäden sind chronische und wiederkehrende Harnröhren-, Blasen- und Beckenentzündungen -die zu Sterilität, Zysten und Abszessen an der Vulva führen können-, schmerzhafte Neurome, Probleme beim Urinieren, Dysmenorrhö, Stauungen von Menstruationsblut in der Bauchhöhle, Frigidität und Depressionen zu nennen. Nicht selten ist die Folgen der Beschneidung der Tod der Frau. Das Risiko einer HIV/AIDS- Infektion für infibulierte Frauen ist vermutlich überdurchschnittlich hoch, da sie sich beim Geschlechtsverkehr häufig Risse in der Vagina und Abschüfungen zuziehen und insofern eine Übertragung von Geschlechtskrankheiten gefördert wird.

Die wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit der Frauen von Männern und die ausschließlich männliche Definition sexueller Erfüllung bilden den Hintergrund für die Aufrechterhaltung von FGM-Praktiken. Eine aktive Frauenbewegung gegen die Verstümmelung weiblicher Genitalien existiert mittlerweile in jedem betroffenen Land. In vielen Ländern, in denen Beschneidungen durchgeführt werden, spricht sich die Regierungen offiziell gegen die Verstümmelung weiblicher Genitalien aus, in einigen Ländern ist FGM gesetzlich verboten. Verbote ohne flankierende Aufklärungsmaßnahmen bleiben jedoch weitgehend erfolglos. Frankreich ist bisher das einzige Land, das weibliche Genitalverstümmelung rechtlich verfolgt. Frankreich, Kanada und die USA gewähren Frauen, die aus Ländern stammen, in denen weibliche Genitalverstümmelung häufig auftritt, politisches Asyl.

"Meine Mutter hatte über meine Beschneidung nicht zu bestimmen, denn als Frau verfügt sie über keinerlei Mitspracherecht. Sie machte mit mir einfach das gleiche, was man mit ihr gemacht hatte und was vorher schon ihrer Mutter und wiederum deren Mutter wiederfahren war. Und mein Vater hatte keinerlei Vorstellung von dem Leiden, das er mir damals zufügte; er wußte nur, daß in unserer somalischen Gesellschaft seine Tochter beschnitten sein mußte, wenn sie heiraten wollte, [...]. Meine Eltern waren beide Opfer ihrer Erziehung, eingebunden in eine Kultur, die diese Praktiken seit tausenden von Jahren unverändert fortführt. Doch ebenso wie wir heute wissen, daß man mit Impfungen Krankheiten vermeiden und dem Tod entrinnen kann, wissen wir, daß Frauen keine brünftigen Tiere sind und ihre Bindung an die Familie mit Vertrauen und Zuneigung erworben werden muß und nicht durch barbarische Riten. Es ist an der Zeit, mit der Tradition des Leidens zu brechen."
Waris Dirie, Wüstenblume, S.279/280

Waris Dirie wuchs in einer Nomadenfamilie in der somalischen Wüste auf. Sie wurde mit fünf Jahren beschnitten, mit 14 Jahren verließ sie Somalia, nachdem sie aufgrund einer drohenden Zwangsheirat geflohen war und insofern die Trennung von ihrer Familie auf sich nahm. Mit 18 Jahren begann in London ihre Modelkarriere. Nach langem Schweigen über ihr Schicksal setzt sie sich heute als UN-Sonderbotschafterin weltweit gegen die Genitalverstümmelung von Frauen ein. Ihre Autobiographie "Wüstenblume" verdeutlicht die rituelle Beschneidung von Mädchen im somalischen Hintergrund, gleichzeitig gibt ihr fesselndes Buch einen außergewöhnlichen Einblick in die Härte und Schönheit des Nomadenlebens. Nicht zuletzt beschreibt Waris Dirie mit ihrer erstaunlichen Lebensgeschichte den mit rechtlichen und kulturellen Schwierigkeiten besetzen Einstieg in die westliche Welt.

Julia Maintz, 2001

Quellen:

[…]
Die Beschneidung, besser gesagt Verstümmelung, von Mädchen oder jungen Frauen findet in mehreren Schweregraden statt:

  • die Klitorisvorhaut, die Glans der Klitoris oder die gesamte Klitoris werden entfernt,
  • zusätzlich werden oft die kleinen Schamlippen (Labien) entfernt,
  • zusätzlich wird Haut und Gewebe aus der Vagina entfernt (Abschaben),
  • nicht selten werden auch noch die großen Schamlippen ganz oder teilweise entfernt. Zusätzlich wird der Scheideneingang zugenäht, so dass nur noch eine kleine Öffnung verbleibt.

Die Folgen dieser auf Unbildung, Dummheit, religiösen Vorurteilen und wirtschaftlichen Vorteilen der beschneidenden Frauen beruhenden Verstümmelungen sind beträchtlich.
  • Viele Mädchen sterben direkt an dem Eingriff oder einige Zeit danach.
  • Die Gefahr, infolge mangelnder Hygiene, an Infektionen zu erkranken ist sehr hoch.
  • Es kommt später zu schweren Schmerzen, starken Menstruationsblutungen und Problemen beim Wasserlassen.
  • Nicht selten sind Zysten, Abszesse und Unfruchtbarkeit und meist Frigidität die Folge.

Rechtliche Aspekte

[…]
Die Beschneidung von weiblichen Kindern und Jugendlichen wird in Deutschland und vielen anderen westlichen Industrieländern als (schwere bzw. gefährliche) Körperverletzung verfolgt und bestraft.
[…]

 

Quelle:
Medicine Worldwide, 2002
www.m-ww.de/sexualitaet_fortpflanzung/lexikon/beschneidung.html

Weitere Informationen:

Terre des Femme – Menschenrechte für die Frau e.V.
http://www.terre-des-femmes.de/

 

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