Diabetes in der Schwangerschaft

Gestationsdiabetes, Schwangerschaftsdiabetes

"Schwangerschaftszucker" nennt es der Volksmund. Dabei handelt es sich um eine vorrübergehende Störung des Stoffwechsels (Glucose-Toleranz-Störung) bei der werdenden Mutter, die erstmals in der Schwangerschaft auftritt, etwa ab der 24. SSW. 

Grundsätzlich kann eine Frau mit diesem so genannten Gestationsdiabetes * eine unkomplizierte Schwangerschaft haben und auch normal entbinden. Voraussetzung dafür ist das rechtzeitige Erkennen und die entsprechende ärztliche Betreuung und Therapie. 

Die Risiken für Mutter und Kind sind heute kalkulierbar. Komplikationen können durch entsprechende Behandlung vermieden werden. Unerkannt und unbehandelt stellt der Gestationsdiabetes allerdings ein erhebliches gesundheitliches Risiko für Mutter und Kind dar. 

Mutter: Ein Gestationsdiabetes bildet sich in den meisten Fällen nach der Schwangerschaft bei der Mutter innerhalb weniger Wochen/Monate wieder zurück. Blutzucker-Kontrollen (Blutglucosewert *) sollten allerdings nach ärztlicher Anweisung - manchmal auch längerfristig - durchgeführt werden. Es besteht die erhöhte Gefahr, im späteren Leben einen Diabtes mellitus vom Typ II * zu entwickeln. Eine bewusste Ernährung (Gewicht, Sport) ist ratsam. 

Kind: Die kinderärztliche Betreuung ist notwendig und gewährleistet die Behandlung für das Neugeborene unmittelbar nach der Geburt. Eine Unterzuckerung * und andere ggf. auftretende Stoffwechselprobleme können erfolgreich behandelt werden. Diese Kinder haben - nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen - ein erhöhtes Diabetes-Risiko und sollten entsprechend bewusst ernährt werden. Dazu gehört auch das Stillen. 

Ursachen / Risiken: 
Hormonelle und Stoffwechsel-Veränderungen in der Schwangerschaft, Übergewicht und unausgewogene Ernährung, dadurch bedingt mangelnde, verzögerte oder fehlende Produktion von Insulin* in der Bauchspeicheldrüse oder gestörte Aufnahme von Insulin in den Organen (zu wenig Insulin = zu hohe Blutzuckerwerte). 

Andere Faktoren: Erbliche Vorbelastung (diabetes mellitus), Gestationsdiabetes in vorausgegangener Schwangerschaft, Alter der Mutter > 30 Jahre, vorher geborenes Kind > 4.000g, Früh- oder Totgeburt oder Kind mit Fehlbildungen in der Anamnese (Vorgeschichte). 

Symptome (Hinweise): 
Durst, allgemeines Unwohlsein, Harnwegs- oder Nierenentzündungen, Zuckernachweis im Urin, Veränderung der Fruchtwassermenge, Wachstumsstörung des Feten, übermässige Gewichtszunahme, hoher Blutdruck, aber häufig auch gar keine Anzeichen. 

Komplikationen: 
EPH-Gestose, Harnwegs-/Nierenentzündungen, erhöhtes Wachstum des Feten > übergewichtiges Kind (über 4.000g bei Geburt), erhöhte Fruchtwassermenge, Durchblutungsstörung des Mutterkuchens (Plazentainsuffizienz), Mangelentwicklung des Kindes, Frühgeburtsgefahr, erhöhte Missbildungsrate, erhöhtes Risiko für Totgeburt, Komplikationen während der Geburt (z.B. erhöhte Kaiserschnittsrate), Unterzuckerung des Neugeborenen, Anpassungsstörungen, verstärkte Neugeborenen-Gelbsucht u.a. 

Häufigkeit: 
Die Angaben in der Fachliteratur zum Vorkommen des Gestationsdiabetes schwanken zwischen 1% und 20% *. Die Routine-Untersuchungen im Rahmen der Schwangeren-Vorsorge beinhalten bisher nur den (routinemässigen) Urintest auf Zucker (Glucosurie *), der allerdings unzuverlässig ist. Durch den Urintest wird nur ein Bruchteil erkannt. Es gibt deshalb Bestrebungen, den Blutzuckertest (oGTT) in die allgemeine Schwangerenvorsorge (24. - 28. SSW) zu integrieren, um durch eine frühzeitige Diagnose eine erfolgreiche Behandlung einleiten zu können. 

Diagnose: 
ist nur durch einen oralen Glucose-Toleranztest (oGTT *) zuverlässig möglich. 

Behandlung in der Schwangerschaft: 
Diätberatung (Diabetologe *), Ernährungsumstellung, körperliche Betätigung den Umständen entsprechend, selten ist die Gabe von Insulin nötig, um den Zucker-Stoffwechsel zu normalisieren. Regelmässige Blutzucker-Kontrollen sind notwendig, manchmal auch als sog. "Blutzuckertagesprofil". * 



* Begriffserläuterungen: 

Gestationsdiabetes = Glucose-Toleranz-Störung, die erstmalig in der Schwangerschaft auftritt (lat. gestatio = Schwangerschaft) 

Glucosurie Zuckerausscheidung im Urin 
(der Blutzuckerwert übersteigt die "Nierenschwelle") 

Häufigkeit Gestationsdiabetes: laut Veröffentlichung der Charité in Berlin beträgt die Zahl der betroffenen Schwangeren in der BRD pro Jahr 40.000, das entspräche > 20%! 

Diabetes mellitus Typ I und II = Zuckerkrankheit 
Störung des Zuckerstoffwechsels, relativer oder absoluter Mangel an Insulin, hormonabhängig; häufigste endokrine Störung, verschiedene Ursachen. 
Typ I: entsteht meist im jungen Alter, absoluter Mangel (Fehlen) von Insulin, Insulin muss gespritzt werden; Typ II: entsteht im höheren Alter, relativer Insulinmangel, verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, evt. auch Insulinverabreichung 

Blutglucose = Blutzucker 
Glucose ist der wichtigste Nährstoff, aus dem die Zellen über die Atmungskette Energie gewinnen. Beim Diabetiker ist die Blutzucker-Regulation gestört. 

Unterzuckerung (Hypoglykämie), niedriger Blutzucker. Mangelnde Versorgung der Organe mit Glucose, dadurch Schwäche, Zittern, Herzrasen. Gefahr: Koma. 

Insulin = Hormon, das in der Bauchspeicheldrüse (Beta-Zellen, Langerhans'sche Inseln) gebildet wird und für die Regulierung (Senkung) des Blutzuckers verantwortlich ist. Sorgt fuer die Verwertung der Kohlehydrate aus der Nahrung (Energiebildung im Körper). 

Oraler Glucose-Toleranz-Test (oGTT) = Zuckerbelastungstest durch Trinken von Glucoselösung und (meist dreimaliger) Blutabnahme zwecks Kontrolle der Blutzuckerwerte, Screening. 

Blutzucker-Tagesprofil (BZTP) = Bestimmung des Blutzuckerwertes vor und nach den Mahlzeiten über einen Tag lang. 

Diabetologe Facharzt/-ärztin mit Schwerpunkt/Zusatzausbildung rund um Diabetes. 

Geschichtliches 
Im Jahre 1923 erhielten die Kanadier Frederick Grant Banting und Charles Herbert Best (University of Toronto) den Nobelpreis für Medizin für die Entdeckung des Insulins (in Bauchspeicheldrüsen von Hunden). Sie machten damit eine erfolgversprechende und zuverlässige Diabetes-Behandlung in späteren Jahrzehnten möglich. 

Anfangs konnte Insulin nur aus der Bauchspeicheldrüse von Rindern und Schweinen gewonnen werden, was oftmals Allergien ausgelöst hat. Die Gentechnik hat es ermöglicht, dass seit 1980 reines menschliches Insulin hergestellt werden kann (Human-Insulin).



Quellen - Links - Literatur:


Literatur: 

Gestationsdiabetes. Ernährung in der Schwangerschaft. 
Ein Patientinnenratgeber
 
K. J. Bühling, C. Wäscher, R. Bergmann, J. W. Dudenhausen 
Akademos Wissenschaftsverlag 2000; ISBN: 3934410065 

Der große Schwangerschafts-Ratgeber für Diabetikerinnen 
H. Kleinwechter, U. Mäder, U. Schäfer-Graf 
Trias 2004; ISBN: 3830431368 

Diabetes und Schwangerschaft 
Peter A.M. Weiss 
Springer-Verlag 2002; ISBN: 3211837388 

Diabetes und Schwangerschaft 
Bonnie Estridge, Jo Davies 
Trias 2003; ISBN: 3830431694 

Diabetes von Kindheit an 
Ein Ratgeber für Eltern und Betroffene
 
Gernot-Rainer Storm 
Waldthausen/Natura; ISBN: 3895260207 

Diabetes-Kochbuch 
Grundlagen, Ernährungsempfehlungen und 100 Rezepte
 
Sabine Ferreira-Haller, Natalie Zumbrunn-Loosli 
AT Verlag; ISBN: 3855026181 



Geburtskanal Redaktion,
Silvia Skolik, 2004

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