Frühgeborene

Grosse Sorgen um kleine Menschen

von Silvia Skolik

 

Die Anzahl der frühgeborenen Kinder hat sich in den letzten Jahren stark erhöht. Knapp 50.000 Babies - etwa jedes 15. - kommen heute in Deutschland zu früh ( = nicht reif, vor der abgeschlossenen 37. Schwangerschaftswoche) auf die Welt, das sind fast 50% mehr als noch vor 30 Jahren. 

[…] "Der Anteil an Neugeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1500 g an den Lebendgeborenen ist populationsbezogen relativ konstant mit 0,8 - 1,5% zu beziffern, für die Kinder unter 1000 g Geburtsgewicht beträgt er zwischen 0,3 - 0,6%. Daran hat sich auch während des deutlichen Geburtenrückganges der frühen 90´er Jahre nichts wesentliches geändert." […] 
aus: "Ein kleiner historischer Abriß unter besonderer Berücksichtigung der sehr kleinen Frühgeborenen" Klinikum Berlin-Buch, II.Klinik für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Neonatologie 

Für die steigende Anzahl frühgeborener Kinder gibt es verschiedene Gründe: Fortschritte in der Forschung und Intensivmedizin, Häufung der Mehrlingsschwangerschaften durch den vermehrten Einsatz reproduktionsmedizinischer Verfahren (generell erhöhtes Risiko der Frühgeburtlichkeit bei Zwillingen und Mehrlingen), die Möglichkeiten des frühen und geplanten (oder des notfallmässigen) Kaiserschnitts unter Hinzuziehung von Neonatologen zur optimalen medizinischen Versorgung des Frühgeborenen, bessere Vorsorge in der Schwangerschaft (und damit die verbesserte Chance auf ein Austragen des Kindes bis zu einem Zeitpunkt, zu dem die Wahrscheinlichkeit des Überlebens gross genug ist), sowie Regelwidrigkeiten im Schwangerschaftsverlauf oder (schwangerschaftsbedingte) Erkrankungen der Mutter oder des Ungeborenen, die eine vorzeitige Beendigung der Schwangerschaft zur Folge haben oder notwendig machen. 

Heute überleben selbst extreme Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht weit unter 1000 g und einem Schwangerschaftsalter von weniger als 28 Wochen. Die durchschnittliche Überlebensrate für Frühgeborene liegt heute bundesweit zwischen 80 und 90% und hat sich damit in den letzten 20 Jahren erheblich verbessert. 

[…] "Noch deutlicher werden die Ergebnisse, wenn man eine Unterteilung in die Gewichtsklassen über und unter 1000 g Geburtsgewicht vornimmt. […] Hier ist auch in großen Studien die Entwicklung der Überlebensrate von etwa 50% in den 60´er Jahren auf etwa 85% in den 80´er Jahren bis auf deutlich über 90% seit 1991 zu verzeichnen. Bei den extrem kleinen Frühgeborenen liegen die Berliner Ergebnisse mit heute fast 75% Überleben im oberen Bereich auch multinationaler Studien. Die untere Grenze mit einer 50% Überlebenschance wird derzeit mit etwa 24 vollendeten Schwangerschaftswochen bzw. einem Geburtsgewicht von 700 g benannt." […] 
aus: "Ein kleiner historischer Abriß unter besonderer Berücksichtigung der sehr kleinen Frühgeborenen" Klinikum Berlin-Buch, II.Klinik für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Neonatologie 

Mit den Möglichkeiten der Intensivmedizin und der damit verbundenen Überlebenschance erhöht sich jedoch auch das Risiko von bleibenden Schäden und/oder erheblichen Entwicklungsverzögerungen. Nur jedes 3. Frühgeborene entwickelt sich normal. 

Ein Frühchen kann von Geburt an fühlen, riechen, sehen, schmecken und tasten. Oft sind die ersten Erfahrungen in dieser Welt schmerzhaft, die ersten Berührungen tun weh; Schock, Stress und Schmerzen können Auswirkungen auf die spätere seelische und körperliche Entwicklung haben. 

Sanfte Betreuung und optimale medizinisch notwendige Behandlung in Einklang zu bringen, stellt eine Herausforderung für Geburtshelfer, Kinderärzte, Pflegepersonal und Eltern dar. Erschwerend kommt die vielerorts desolate Situation im Pflegebereich hinzu: zu wenig geschultes Personal ist für zu viele Intensivpatienten zuständig und verantwortlich. Zeit zur psychologischen Betreuung der Eltern bleibt oft kaum. 

Die Geburt eines zu früh geborenen Kindes ist für die Eltern in aller Regel ein Schock. Sie erfolgt meistens unerwartet und somit ohne die Möglichkeit der Vorbereitung. Häufig ist die Mutter durch die (Kaiserschnitt-)Geburt geschwächt und kann nicht unmittelbar und in vollem Umfang Kontakt zu Ihrem Baby aufnehmen. Der frischgebackene Vater fühlt sich oft überfordert in dem Bewusstsein, sich um die Mutter und das Baby kümmern zu müssen, ohne richtig zu wissen, was er eigentlich tun kann. Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung sind die ersten überwältigenden Gefühle bei Eltern von Frühgeborenen. 

Die zumeist unbekannten Abläufe in der intensiv-medizinischen Versorgung -wie Intubation, parenterale Ernährung, Infusionstherapien, Monitoring und technische Diagnoseverfahren - tragen zumindest anfänglich dazu bei, Unsicherheiten, Zweifel und Ängste zu verstärken. Nicht selten sind wochen- oder monatelange Klinikaufenthalte angesagt, bis das Baby in die häusliche Pflege entlassen werden kann. Die neonatologische Abteilung wird zum (zweiten) Zuhause, der Alltag gerät völlig aus den Fugen, nichts ist mehr so wie früher, nichts hat Bestand, das Befinden des kleinen Patienten kann sich jederzeit ändern. Es ist unschwer vorstellbar, dass eine solch ungewisse Situation das seelische Gleichgewicht der Eltern (und Geschwisterkinder) erheblich erschüttert. 

Die Pflegekonzepte der Neonatologischen Abteilungen unserer Kinderkliniken beinhalten heute den engen Kontakt zwischen Eltern und ihren Neugeborenen, so klein und zerbrechlich sie auch sein mögen. Der frühe und enge (Haut-)Kontakt zwischen Eltern und Kind trägt ganz erheblich zum Gedeihen bei und fördert eine vertrauensvolle Bindung. 

Mit dieser Aufgabe sind die Eltern von Anfang an gefordert, die Verantwortung für ihr Kind mit zu übernehmen, was aber auch eine grosse Belastung und Herausforderung darstellen kann - abhängig von den persönlichen Lebensumständen. Für die meisten Eltern ist allerdings die "tatkräftige" Hilfe im Umgang mit dem Baby Balsam für die Seele. 

Ausser Frage steht, dass die Geburt eines Frühchens für die Eltern eine erhebliche seelische (und körperliche) Belastung bedeutet. Angst und Sorge um das kleine Menschenkind bringt sie von heute auf morgen in eine Situation, in der sie Hilfe, Verständnis und Unterstützung von Angehörigen, Freunden und dem betreuenden medizinischen Fachpersonal dringend brauchen. 

Initiativen und Selbsthilfegruppen - häufig von Betroffenen und Fachleuten in Kooperation gegründet - haben es sich zur Aufgabe gemacht, Hilfe und Unterstützung anzubieten und Informationen zu allen Fragen im Themenbereich Frühgeborene publik zu machen, um damit die Situation von Frühgeborenen und ihren Eltern zu verbessern, auch im Hinblick auf das Zusammenleben und die Betreuung eines pflegebedürftigen Kindes. Sie vermitteln Kontaktadressen, stehen mit Rat und Tat zur Seite und sorgen so für ein Stück Sicherheit und Zuversicht in einer ungewissen Lebenssituation. 

Unsere hier aufgeführten Informationsquellen sollen Ihnen eine Hilfe sein. 
Schreiben Sie uns, wenn Sie diese Liste ergänzen möchten. 

Wir hoffen, dass Sie als Betroffene/r trotz aller Sorge um Ihr Baby positive Erfahrungen machen können und wünschen Ihnen Kraft und alles Gute.

 

Weitere Informationen:

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