Fünflinge

Ein Vater berichtet

"Lieber Ascher, sei kein Lascher, wenn wir heut' nach Hause gehen,
damit wir uns ein wenig rascher zur Kindstaufe wiederseh'n."


Diesen Spruch hat uns ein Bekannter in unser Album zur Hochzeit im Mai 1983 geschrieben. Zu dieser Zeit dachten wir, dass es für zwei "gesunde" junge Eheleute kein Problem ist, quasi auf Bestellung Kinder zu bekommen. Auch die Umwelt - und dies sollte ja wohl auch der gut gemeinte Spruch im Hochzeitsalbum zum Ausdruck bringen - erwartet, dass ein junges Ehepaar Kinder in die Welt setzt, denn das ist "normal".

In unserer hochtechnisierten Welt ist alles möglich, zumindest wird einem das tagtäglich so, z.B. in den Medien, vermittelt. Im Gegenteil, lange Zeit - und dies gilt leider bis heute - war eines der Themen, wie man Kinder "wegmacht", also abtreibt, tötet, z.B. weil sie zum aktuellen Zeitpunkt nicht in die jeweilige Karriere- oder Lebensplanung passen. Diese Diskussion wurde ganz öffentlich und hart geführt.

Viel weniger öffentlich war und ist die Diskussion um diejenigen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als Kinder zu haben, die sich nicht sorgen, wie man ein Kind "wegmacht", sondern wie man eines bekommt um es zu behalten und zu lieben. In dieser "Alles-machbar-Gesellschaft" als jemand dazustehen, der nicht "funktioniert", wo einem doch z.B. überall in der Werbung junge glückliche Familien, frei von Problemen entgegenlachen.

Ich habe Verständnis für diejenigen, die da kurz vor der Depression stehen. Wir hatten diese Situation der ungewollten Kinderlosigkeit vier Jahre lang und haben uns recht frühzeitig um möglichst sachliche Informationen bemüht, wie man dennoch zu einer gewollten Schwangerschaft kommt. Nach Aufsuchen mehrerer Gynäkolgen, die der Sache selbst eher hilflos gegenüber standen, fanden wir in München, wo wir damals lebten, eine Praxis, die sich auf Kinderwunschpatienten spezialisiert hatte. Der behandelnde Gynäkologe meiner Frau stellte fest, dass sie policystische Ovarien (Zysten an den Eierstöcken) hat. Die Spermienqualität war gottseidank in Ordnung, aber es hätte auch anders herum sein können bzw. hätte es - was wir damals erst allmählich mitbekamen- auch hundert andere Gründe für die Kinderlosigkeit geben können; darunter sicher auch Fälle, wo nur die Adoption helfen kann. Bei meiner Frau wurde eine Reihe von Inseminationen durchgeführt, viele davon erfolglos und psychisch belastend, weil man immer unter "Erfolgsdruck" steht.

Nach vier Jahren und zahllosen Versuchen dann endlich die Mitteilung der Kinderwunsch-Praxis, dass meine Frau schwanger ist. Die Freude war gross, komisch nur, dass sich die Fruchtblase so schnell entwickelte. Nachdem meine Frau Beschwerden hatte, fuhr ich sie ins Krankenhaus Rechts der Isar in München, wo ein recht nüchterner Assistenzarzt "fünf intakte Graviditäten" - zu deutsch "fünf wachsende Babies" - entdeckte. Wir freuten uns riesig, auch wenn wir damals noch gar nicht wussten, was da alles auf uns zukommt. Leider gab es vor 14 Jahren auch so gut wie keine Informationsangebote, was sich zwischenzeitlich schon gebessert hat.

Die weitere Schwangerschaftszeit verlief für meine Frau so, dass sie sehr häufig und vor allem lang, zum Schluss sogar ständig liegen musste um die Kinder im Mutterleib nicht zu gefährden.

Am 24. September 1987, in der 27. Schwangerschaftswoche, kam es dann plötzlich zum Blasensprung, sodass die Ärzte alle fünf Kinder per Kaiserschnitt holen mussten, worauf das Team am Klinikum München Grosshadern allerdings bereits im Vorfeld bestens vorbereitet war.

Die Zeit nach der Geburt war geprägt von einem ständigen Auf und Ab der Gefühle. Die Fünflings-Buben (Benjamin, Dominik, Fabian, Felix und Daniel) waren auf drei Kliniken in München verteilt worden, sodass man auf den Fahrten vom einen zum anderen Krankenhaus ständig auf die nächste Hiobs-Botschaft gefasst war.

Ganz nebenbei musste ich meinen Bürojob erledigen und mal eben ein Häuschen bauen, da unsere Wohnung mit drei Zimmern unter'm Dach beim besten Willen nicht geeignet war, eine so grosse Familie aufzunehmen. Das war aber alles nichts gegen das, was mit unseren Kindern geschah, die exakt drei Monate zu früh das Licht der Welt erblicken mussten: häufige Risse in der Lunge (Pneumotorax = Pneu) infolge der Langzeitbeatmung, Hirnblutungen, ein Kind mit Darmverschluss und Not-Operation, ein Kind mit Netzhaut-Operation (Kryokoagulation) knapp vor der Erblindung gerettet, ein Kind blind und eines mit über sechzig Pneus. Dieses Kind (Felix) starb dann nach knapp zwei Monaten Überlebenskampf ebenso wie unser blinder Sohn (Daniel), der nach sechs Monaten verstarb.

Wir beteten um jedes Gramm Zunahme an Körpergewicht, bedeutete dies mehr Chancen zu Überleben, da wussten wir noch nicht, dass wir die Kinder in der häuslichen Betreuung ca. ein Jahr mittels Magensonde ernähren mussten.
Nach "Übernahme" unserer Drillinge in die heimische Sphäre haben wir - auch unserem Instinkt folgend - all' das gemacht, was den Kindern Freude und Abwechslung brachte. So sind wir gleich am ersten Tag unter Menschen gegangen - in ein "grosses schwedisches Möbelhaus". Wir haben uns, wo dies ging, z.B. über Eltern-Initiativen zu Mehrlingen etc. informiert und alle uns geeignet erscheinenden Therapien für unsere Drillinge gemacht (Vojta, Tomatis, Ergotherapie). Wir haben Eltern von Kindern kennengelernt, die "schlimmer" dran waren als unsere. Das hat uns neue Informationen und Erkenntnisse, aber auch Dankbarkeit gebracht.

Wie - werden Sie vielleicht fragen - soll man sich denn in so einer Situation den Kindern gegenüber verhalten?
Informieren ist das erste, das zweite ist, sich von Anfang an um die Kinder so intensiv kümmern, wie dies eben geht. Das geht bereits im Bauch los und auch im Brutkasten (da kann man nämlich mit dem Kind reden, es streicheln oder einfach nur Dasein - das Kind merkt's!). Das schlimmste waren für mich Frühchen-Eltern, die vielleicht aus Angst nicht zu ihrem Kind in die Klinik kamen und sich ein "repariertes" Kind aus dem Krankenhaus abholen wollten.

Was lernt man selbst durch so eine Situation?
Man lernt (wieder oder erstmals) worauf es im Leben wirklich ankommt. Man erlebt, dass man als Mensch (sowohl das Frühchen, als auch man selbst) viel, viel mehr aushält, als man zuvor geglaubt hat, dass Urkräfte und Urinstinkte in einem schlummern. Man erfährt, dass man sich mit der Realität abfinden muss, dass es Dinge gibt, die man auch in unserer "Alles-machbar-Gesellschaft" so wie sie sind, akzeptieren muss oder zu akzeptieren hat.


Jetzt sind die Drillinge 14 Jahre und wir haben noch eine Tochter (Julia) von 8 Jahren und ich bin stolz auf das, was die Kinder selbst und wir aus ihnen gemacht haben und zwar indem wir sie so weit wie möglich ganz individuell gefördert und nicht überfordert haben. Sie sind glückliche und zufriedene Menschen, die von uns und ihrem Umfeld geliebt werden und die ihren eigenen Weg gehen können und gehen werden.

Und da ist es wirklich völlig egal, welchen Schulabschluss sie in einigen Jahren "schaffen" werden. Sie sind auf das Leben vorbereitet.

Juli 2002


Der Autor:
Wolfgang Ascher ist Rechtsanwalt und lebt mit seiner Familie in Bergheim-Glesch.



Wenn Sie die "ganze Geschichte" der Ascher-Fünflinge kennenlernen möchten, können Sie dies durch Lektüre des von meiner Frau Claudia Ascher verfassten Buches "Krabbensalat - Die Geschichte einer Fünflingsgeburt". Das Buch führt Sie durch alle Höhen und Tiefen - auch der Gefühle (von lustig bis traurig) - und erläutert laienverständlich die einschlägigen medizinischen Fachbegriffe:

Krabbensalat - Die Geschichte einer Fünflingsgeburt
Claudia Ascher
Vorwort von Prof. Dr. med. Johannes G. Schöber
Medisan Ratgeber, Verlag für Medizin und Gesundheit, 283 Seiten
ISBN: 3-932977-03-3

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