Gaskin, Ina May

Ina May Gaskin

Moderne Pionierin einer menschenwürdigen Geburtshilfe

 

Als eine Kollegin mir vor fast 20 Jahren das Lehrbuch "Praktische Hebammen" der amerikanischen Hebamme Ina May Gaskin schenkte, hatte ich keine Ahnung, wie sehr mich der Inhalt beeindrucken würde - und wie es meine Einstellung zur Hebammenarbeit insgesamt beeinflussen sollte. Dieses Handbuch der natürlichen Geburt war seinerzeit ein Geheimtip unter Hebammen und Medizinern, die alternative Wege in der Geburtshilfe suchten. Es verdeutlicht, dass Ina May Gaskin eine besondere Hebammen-Philosophie vertritt: 

Das Begreifen der Geburt als einen geheiligten Prozess im Hervorbringen neuen Lebens 

Im krassen Gegensatz zur klinischen Geburtsmedizin, die in der Hebammenausbildung gelehrt und damals auch fast ausschliesslich praktiziert wurde, beschreibt Ina May Gaskin in anerkannt fachkundiger Art einen menschenwürdigen, sicheren und spirituellen Weg der (Haus-) Geburtshilfe, wie sie ihn seit den 70er Jahren praktiziert. Respekt vor jeder einzelnen Frau als Individuum - ihren Lebensumständen, ihren Kräften, Vorstellungen und Gefühlen - ist die Leitmaxime dieser ungewöhnlichen Autodidaktin. 

Im Oktober 2001 hatte ich Gelegenheit, Ina May "live" in Graz zu erleben und war von ihrer Persönlichkeit stark beeindruckt – wie wohl alle auf diesem 6. Kongreß des EKiZ "Neue Wege in der Geburtshilfe und Wochenbettperiode". Fachkundig, souverän und humorvoll hat Ina May Gaskin es verstanden, ihre ZuhörerInnen in den Bann zu schlagen und sich auch durch kritische Fragestellungen keine Sekunde aus der Ruhe bringen lassen. An zwei Tagen referierte sie u.a. zu den Themen "Schulterdystokie" und "Die verlorengegangene Kunst der vaginalen Entbindung von Beckenendlagen". Viele wertvolle Tips und persönliche Erfahrungsberichte haben ihre Vorträge zu einem ganz besonderen Erlebnis werden lassen. Selbst skeptische VertreterInnen der medizinisch orientierten Geburtshilfe konnten ihre Anerkennung nicht verhehlen. Fachlich kompetent und menschlich überzeugend - das ist Ina May Gaskin zweifellos. 

In den 70er Jahren hat Ina May "The Farm Midwifery Center" in Summertown, Tennessee (USA) gegründet, wo sie seither lebt und Geburtshilfe praktiziert. Mehr als 2000 Babys haben hier unter ihrer Obhut das Licht der Welt erblickt. Schwangerschaft und Geburt stellen für die Farmhebammen ein normales Ereignis im Leben einer Frau dar - und keine Krankheit. Hebammen aus Guatemala, Afrika, Indianer-Reservaten in Nordamerika und aus weiten Teilen der westlichen Welt sind regelmässige Gäste auf der Farm. Sie tauschen Informationen und Wissen aus und geben ihre Erfahrungen an zukünftige und praktizierende Hebammen weiter. 

Die Ergebnisse ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit als spirituelle Hebamme können sich sehenlassen: Eine vergleichende Studie (Journal of American Public Health Association APHA) besagt z.B., dass 1992 die nationale Kaiserschnitt-Rate (USA) bei 22% lag, die der Farmhebammen dagegen bei 1,8%! Während die Vergleichsfrauen im an der Untersuchung beteiligten Krankenhaus zu 26% den Einsatz von Forceps, Vacuumextraktion oder Kaiserschnitt erlebten, waren nur bei 2% der von den Farmhebammen betreuten Frauen medizinsche Eingiffe nötig. Auch die Komplikationsrate (Infektionen u.a.) ist bei der von Ina May Gaskin und ihrem Team praktizierten Geburtshilfe im Vergleich zur klinischen Geburtshilfe signifikant niedrig. 

Ina May Gaskin hat sich über Jahrzehnte vehement für die Anerkennung der Hebammen-Geburtshilfe in den Vereinigten Staaten eingesetzt, Ausbildungsmöglichkeiten und -standards durchgesetzt (CPMs = Certified Professional Midwives, Arbeitsschwerpunkt ausserklinische Geburtshilfe), den Weg für eine gesetzliche Anerkennung des Berufsstandes in vielen Bundesstaaten geebnet, Hebammenarbeit und -forschung publik gemacht und damit erheblich zu einer neuen, frauenfreundlichen Gebärkultur - nicht nur in den USA - beigetragen. Mutig, energiegeladen und unbeirrbar - so ist es ist ihr gelungen, im Laufe ihrer Tätigkeit viele GeburtshelferInnen von ihrer Philosophie und ihrem Wissen zu überzeugen. Dem Hebammenwesen insgesamt - und den gebärenden Frauen - hat sie damit zweifellos einen wertvollen Dienst erwiesen. 

Als Präsidentin der nordamerikanischen Hebammenvereinigung [Midwives Alliance of North America MANA] - an deren Gründung die Farmhebammen beteiligt waren - ist sie international aktiv und eine gefragte Dozentin. Ohne Zweifel ist die spirituelle Hebammenbewegung rund um Ina May Gaskin ein nicht wegzudenkender Meilenstein in der Natural Birth - Bewegung: Kein Schritt zurück, sondern ein neuer Weg mit der Besinnung auf altbewährte Traditionen und Wertvorstellungen unter Einbeziehung des heutigen Wissensstandes: Die Wiedergeburt der Hebammen-Geburtshilfe im besten Sinne. 

Die Resolution "Increasing Access to Out-of-Hospital Maternity Care Services Through State-Regulated and Nationally Certified Direct-Entry Midwives" wurde erst unlängst vom Council of the American Public Health Association (APHA) angenommen. Sie besagt u.a., dass Frauen der Zugang zur ausserklinischen und von professionellen Hebammen praktizierten Geburtshilfe zum selbstverständlichen Recht werden soll ("…Recognizing that pregnancy and birth are normal life events for a majority of women…", APHA), ebenso wie die von anderen Berufen im Gesundheitsbereich (Krankenpflege) losgelöste, qualitativ hochwertige Hebammenausbildung. Ein weiterer Erfolg für Ina May's Forderung nach einer menschenwürdigen Geburtshilfe durch Hebammen. 

Ich glaube, es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass Gaskin's eindrucksvolle Ausführungen auf dem Kongress in Graz zur Schulterdystokie und die Video-Dokumentationen, insbesondere zur vaginalen Beckenendlage-Geburt, selbst für die erfahrendsten Hebammen und Geburtsmediziner eine wertvolle Bereicherung darstellen. Einige TeilnehmerInnen werden sich sicher auch an die gemeinsamen Übungen zur Demonstration des veränderten Beckendiameters im Kontext "Pelvic Press statt Forceps oder Vacuum" erinnern sowie an unsere scheuen Blicke bei den Erläuterungen zu sexuellen Perspektiven der Geburt - ein Tabu noch immer. Nicht erstaunt haben mich ihre Angaben zur Länge der Austreibungsperiode, die sich zwar kaum mit denen in medizinischen Lehrbüchern decken, aber insbesondere den (Hausgeburts-)Hebammen sehr vertraut sein dürften. Viele neue Gedanken und Anregungen für die tägliche Arbeit in der Geburtshilfe! Und sicherlich ein Anlass für viele Kolleginnen und Geburtsmediziner, die eigene Arbeit einmal mehr zu reflektieren. 

Das "Gaskin Maneuver", eine von ihr wiederentdeckte - ursprünglich von Geburtshelferinnen aus dem Hochland Guatemals praktizierte - und weiterentwickelte Methode der Behandlung schwerer Schulterentwicklungen (Schulterdystokie) bei der Geburt, hat auch in der Geburtsmedizin höchste Anerkennung erfahren. Zusammen mit Dr. Joe Bruner, Professor am Vanderbilt University College of Medicine in Nashville/Tennessee (http://www.vanderbilt.edu/), veröffentlichte Ina May im Mai 1998 ihre Arbeit im "Journal of Reproductive Medicine" und hat sie mittlerweile auch einem internationalen medizinischen Publikum präsentiert. 

Eine Aura der Professionalität und Menschlichkeit, wie man sie selten findet, umgibt Ina May und macht deutlich, dass diese Frau eine Hebamme mit Leib und Seele ist. Ihre kritische Betrachtensweise der medizinisch orientierten Geburtshilfe mit teilweise nicht zu übersehenden negativen Auswirkungen auf Mutter und Kind (- u.a. die erschreckend hohe Todesrate von Müttern in den USA ohne Verbesserung seit 1982! -) ist fundiert und findet mittlerweile Gehör. Die USA liegen weltweit an 21. Stelle, was die Müttersterblichkeit angeht: seit 1992 ist die Mortalitätsrate im Vergleich zu 1991 von 8 auf 12 Frauen pro 100.000 Geburten gestiegen. Das Risiko für farbige Mütter ist dabei um ein bis zu 4-faches höher als das weisser Amerikanerinnen. (WHO) 

Ina May bemängelt auch die steigende Tendenz zum Kaiserschnitt auf Wunsch. Ganz besondere Sorge bereitet ihr dabei die Tatsache, dass schwangere Frauen regelrecht verängstigt werden, indem ihnen von Frauenärzten bedrohliche Prognosen (lebenslange Inkontinenz als Folge der vaginalen Geburt, reduziertes Sexualleben nach normaler Geburt etc.) vorgezeichnet werden. Solche Aussagen hält Ina May Gaskin zu Recht für fachlich falsch und menschlich unverantwortlich. Die Tatsache, dass eine geplante Kaiserschnittentbindung für einen Gynäkologen (und für die Klinikleitung) kalkulierbar - und damit wirtschaftlicher - ist (bzgl. Zeitplanung, Dauer der Geburt, Personalplanung …) und zudem erheblich besser bezahlt wird, ist den wenigsten Frauen bewußt. Das mütterliche Risiko bei einem Kaiserschnitt liegt jedoch deutlich höher als bei einer normalen Geburt. Der Trend zum Wunsch-Kaiserschnitt ist auch in Europa zu beobachten, die Sectio-Rate in Italien liegt beispielsweise bei annähernd 30%! 

In diesem Zusammenhang ist eine weitverbreitete Kaiserschnitt-Methode (one-layer-closing) ins Visier geraten: danach treten gehäuft schwere Komplikationen in einer nächsten Schwangerschaft auf (Placenta percreta), die zu mütterlichen Todesfällen durch Verbluten geführt haben - und führen. Vereinzelte wachsame Klinken und Mediziner haben ihre Operationsmethoden bereits wieder umgestellt, um kein Risiko einzugehen. Es fehlen außerdem bisher fundierte Erhebungen und objektive Auswertungen. Ina May Gaskin ist der Ansicht, dass sich diese Operationsmethode (die schneller als die herkömmliche two-layer-closing Methode durchführbar ist) derzeit im Experimentierstadium befindet und fordert mehr wissenschaftliche Erforschung. 

In den USA sind Geburtseinleitungen mit Prostaglandinen ohne medizinischen Grund heute immer noch an der Tagesordnung, die Folgen für Mutter und Kind sind unerfreulich, ja vielfach gefährlich. Auch hier entsteht der Eindruck, dass einer planbaren, sich wirtschaftlich rentierenden Geburtshilfe der Vorrang eingeräumt wird vor den individuellen Bedürfnissen gebärender Frauen und ihrem Anspruch auf eine sichere und natürliche Geburt. 

Mrs. Gaskin berichtete weiter, dass in den USA nur etwa 1/3 aller Daten im Zusammenhang mit Klinikentbindungen gesammelt und dokumentiert werden, ausserdem ist es (in den Kliniken tätigen) Hebammen nicht gestattet, mütterliche Todesfälle zu melden. Der Verdacht der Verdunkelung liegt auf der Hand und die Vermutung, dass alarmierende Zahlen der Öffentlichkeit vorenthalten bzw. beschönigt werden, erscheint offensichtlich. 
Diese schockierenden Schilderungen sollten uns warnen und Anlass sein, auch die Geburtshilfe hierzulande immer wieder kritisch zu betrachten, zu vergleichen und ggf. zu revidieren. 

Mittlerweile gibt es in Nordamerika eine Reihe von Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, für eine sichere Geburt und Mutterschaft einzutreten. Gaskins Aktion "The Safe Motherhood Quilt Project" verdient in diesem Zusammenhang besonderen Respekt und Unterstützung: 
http://www.rememberthemothers.org 

Im Rahmen der Arbeit von PLENTY International, einer Hilfsorganisation, die 1974 von Ina May's Ehemann Stephen Gaskin gegründet wurde und seither weltweit aktiv ist, leisten die Farmhebammen Entwicklungshilfe: Sie bilden Hebammen aus, leisten Gesundheitsaufklärung, leiten zur Selbsthilfe an und sorgen so für eine Verbesserung der Lebensbedingungen in den ärmsten Gebieten der Welt: 
Midwifery Training Project in Belize 
http://www.plenty.org/PlentyMidwifery.htm 

Im "Farm Midwifery Center" in Summertown arbeiten derzeit sechs Hebammen. Sie alle haben es sich zur Aufgabe gemacht, neben den physischen ebenso die emotionalen, spirituellen, sexuellen und kulturellen Aspekte jeder einzelnen Frau zu berücksichtigen. Die Hebammen betrachten die Geburt als ein signifikantes Ereignis für jede Familie und es ist ihnen selbstverständlich, dass jede Mutter das Recht auf ein sicheres und befriedigendes Geburtserlebnis hat. 

Die Farmhebammen bieten neben der Rundumbetreuung von Schwangeren und Gebärenden auch mehrtägige Workshops für Hebammen in begrenztem Umfang an. Die Kosten sind moderat, einfache Unterkunft und Verpflegung ist eingeschlossen, Lehrmaterial und Anreise muss selbst bezahlt werden. Nähere Infos auf der Website: 
http://www.midwiferyworkshops.org/ 

The Farm Midwifery Center 
Box 47 The Farm 
Summertown, TN 38483 
Tel. +1-931-964-2103 

Es bleibt zu wünschen, dass wir auch weiterhin noch viel von Ina May Gaskin hören werden und dass diese Powerfrau breite Unterstützung bei ihrer Arbeit und ihrem Einsatz für die Frauen erhält. 

Dem EkiZ in Graz gilt ein besonderer Dank für die erfolgreichen Bemühungen, Ina May Gaskin als Referentin zu gewinnen und insbesondere auch für die ausgesprochen gelungene Gestaltung und Atmosphäre des Kongresses. Es waren eindrucksvolle Tage! 


Silvia Skolik 

November 2001


Publikationen: 

The midwife of modern midwifery 
by Katie Allison Granju 

Let's Protect Our Babies by Licensing Midwives 
by Ina May Gaskin 

1 and 2 layer uterine closing after Cesarean surgery & increased complications for VBAC mothers after 1-layer closing 
by Ina May Gaskin 

APHA Resolution "Increasing Access To Out-Of-Hospital Maternity Care Services Through State-Regulated and Nationally-Certified Direct-Entry Midwives" 

"Preserve your Love-Channel - Take a CaesarEan" 
Stellungnahme zum Kaiserschnitt auf Wunsch, 
von Magdalene Weiß, Bund Deutscher Hebammen
 

A New (Old) Maneuver for the Management of Shoulder Dystocia 
Anna L. Meenan, MD, Ina May Gaskin, MA, 
Pamela Hunt, and Charles A. Ball, MD 
unter http://fachleute.geburtskanal.de/ (ProfiPool-Publikationen)


Links:

 


Literatur/Videos: 

Ina May's Guide to Childbirth 
Ina May Gaskin 
368 pages, 1st edition March 2003 
Bantam Books; ISBN: 0553381156 

Spiritual Midwifery 
Ina May Gaskin 
480 pages, 4th edition September 2003 
Book Publishing Co.; ISBN: 1570671044 


Video-Dokumentationen 
über die Arbeit von Ina May sind erhältlich: 

1. BEL 
2. Schulterdystokie 
3. Zwillinge 
4. Die Farmhebammen 

Nähere Informationen und Bezug: 

EkiZ ELTERN-KIND-ZENTRUM 
Bergmanngasse 10 
A 8010 Graz 
Tel. +43 (0)316 37 81 40 
Fax +43 (0)316 37 81 40/22 
ekiz.graz@utanet.at 
ac.rodler@surfeu.at 
http://www.austroinfo.at/ekiz/

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