Geburt auf Bestellung

Ist der Kaiserschnitt die Geburtsmethode des 21. Jahrhunderts?

von Sigrun Rux

Manchmal scheint die Zeit still zu stehen, die Wehen kommen und gehen und jede Frau hat in dieser Situation nur den einen Wunsch: es soll endlich vorbei sein. Doch sobald der erste Schrei des neuen Erdenbürgers ertönt, sind all die Schmerzen der letzten Stunden so gut wie weggeblasen. Nicht alle Frauen legen jedoch Wert darauf, ihr Kind nach der guten, alten Art auf die Welt zu bringen. Immer mehr entscheiden sich für einen Kaiserschnitt, ein Großteil der Mütter in spe möchte aber zumindest selbst die Entscheidung über die Wahl der Geburtsmethode treffen.

Ob die Geburt heute noch als die natürlichste Sache der Welt betrachtet werden kann, sorgt also nicht nur in Medizinerkreisen für Diskussionsstoff. Denn neben dem immer selbstverständlicher werdenden High Tech in den Kreißsälen, lässt sich in den letzten Jahren eine verstärkte Trendwende in Richtung Kaiserschnitt beobachten. Selbst wenn rein medizinisch gesehen gar nichts gegen eine "normale" Geburt spricht, ziehen es immer mehr Mütter in spe von sich aus vor, die Geburt ihres Kindes auf dem Operationstisch anstatt im Kreißsaal zu verbringen. "Der häufig geäußerte Wunsch nach einer Schnittentbindung lässt sich einerseits durch die Angst vor den Geburtsschmerzen erklären", resümiert Univ.- Prof. Dr. Peter Husslein, "gleichzeitig befürchten aber immer mehr Frauen eine Beeinträchtigung ihres Beckenbodens sowie sexuelle Probleme als Folgen der Vaginalgeburt." Vor allem letztere gehören zu den bisher weniger beachteten und oft tabuisierten Nachteilen, die manchen Frauen nach der Geburt zu schaffen machen. Aber nicht nur die Angst vor übermäßigen Strapazen erklärt die neue Beliebtheit der "sectio caesarea", die sich nach Terminkalender planen lässt. In den westlichen Industrieländern hat die perfekte Lebensplanung, wo alles von der beruflichen Karriere bis hin zum Wunschkind seinen festen Platz hat, auch der Geburtshilfe neue Dimensionen verliehen. Für Ärzte stehen häufig andere - nicht zuletzt pekuniäre - Gedanken im Vordergrund: Nicht nur, dass die langwierigen Vaginalentbindungen unterbezahlt sind, ist die Sectio, wie der Kaiserschnitt im Fachjargon genannt wird, für viele Gynäkologen einfach die schnellere - und bequemere Alternative. Vaginalgeburten sollten daher den Schnittentbindungen finanziell gleichgestellt werden, betont Husslein, denn jede Geburt sei ja auch gleich viel wert.

"Selbstverständlich können auch medizinische Gründe für eine Sectio sprechen", argumentiert der Vorstand der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe im AKH Wien, "wie mit den Indikationen für eine Schnittentbindung dann tatsächlich umgegangen wird, ist aber von Klinik zu Klinik verschieden." So ist zum Beispiel die Beckenendlage eines Kindes für viele erfahrene Geburtshelfer durchaus kein Hindernis für eine vaginale Geburt, insbesondere dann, wenn die werdende Mutter bereits ein Kind geboren hat, vor allem aber, wenn sie trotzdem eine Geburt auf normalem Weg wünscht. "Die Zeiten, wo nur der Arzt über den Geburtsmodus entscheidet, sind vorbei", plädiert Prof. Husslein für eine gemeinsame Entscheidung über die Wahl der Geburtsmethode, "zur optimalen Schwangerenbetreuung gehört in erster Linie, die Wünsche und die Vorstellungen der Frau in bezug auf die Geburt ihres Kindes voll zu respektieren." Der Arzt sollte als Berater lediglich seine medizinische Kompetenz zur Verfügung stellen. Diese Überzeugung teilt auch Univ. - Prof. Dr. Wagenbichler, Vorstand der Semmelweis-Frauenklinik: "Selbstverständlich ist es legitim, sich nach dem Wunsch der Schwangeren zu richten." Trotz anhaltend steigender Kaiserschnittzahlen glaubt er allerdings nicht, dass sich der Trend zum Kaiserschnitt weiter fortsetzen wird, denn heute gelte eine vaginale Geburt als absolut sicher. "Es ist etwas ganz normales auf die Welt zu kommen, warum sollte es dann nicht auf dem natürlichen Weg geschehen", meint der Geburtshelfer mit jahrelanger Erfahrung. Durch die modernen Möglichkeiten der fetalen Überwachung von Mutter und Kind während der Geburt, wie zum Beispiel das CTG, das die Wehen und die Herztöne des Kindes aufzeichnet, können bereits die ersten Anzeichen einer Gefahr sofort erkannt werden, und das Geburtshilfeteam kann sofort darauf reagieren. Auch vor den Geburtsschmerzen braucht sich heute keine Frau mehr zu fürchten, da auch bei der Vaginalgeburt mit Hilfe von Medikamenten sowie der Periduralanästhesie (PDA), einer örtlichen Betäubung bestimmter Nerven im Beckenbereich, Schmerzen gelindert bis ganz ausgeschalten werden können. Die Problematik "Beckenboden" sieht Wagenbichler ebenfalls nicht so drastisch: "Die Beckenbodenmuskulatur wird nicht nur durch den Geburtsvorgang allein überbeansprucht, sondern schon während der ganzen Schwangerschaft belastet." Durch entsprechendes Training lassen sich Beschwerden, die vielleicht später einmal zu Problemen wie Harninkontinenz führen können, jedoch effizient verhindern.

Prof. Husslein hält den permanenten Anstieg der Kaiserschnittrate in Österreich nicht für so dramatisch - wenn auch aus etwas anderen Gründen. Die Hauptkomplikationen wie Infektionen oder Thrombosen sind zwar nach einer Schnittentbindung häufiger, jedoch können prophylaktische Maßnahmen das Risiko sehr gering halten. Für den Kaiserschnitt auf Wunsch spreche außerdem noch, dass sich die Rahmenbedingungen für eine operative Geburt im Wesentlichen geändert hätten, argumentiert der Gynäkologe. So kann zum Beispiel durch die Periduralanästhesie das Geburtserlebnis auch beim Kaiserschnitt ohne Schmerzen mitverfolgt werden. Wenn keine sonstigen Komplikationen auftreten, darf auch der Vater beim freudigen Ereignis life mit dabei sein, und wenn das Baby geboren ist, wird es der frischgebackenen Mutter auch gleich auf den Bauch gelegt. Kein Grund zur Sorge besteht übrigens auch, wenn die Schnittentbindung in Vollnarkose durchgeführt wird, denn die Narkotika sowie andere Medikamente werden erst so knapp wie möglich vor dem Eingriff verabreicht, damit sie dem Baby keinesfalls schaden. Dank der "sanften Chirurgie" haben auch Kaiserschnittmütter keine großen kosmetischen Beeinträchtigungen zu befürchten. Lediglich eine kleine Narbe in der Bikinizone bleibt als Souvenir erhalten. Und wenn der Storch wieder zuschlägt, ist es auch nach einer Kaiserschnittgeburt möglich, es beim nächsten Mal anders zu probieren.

Nach Ansicht beider Experten ergeben sich für das Neugeborene durch den Kaiserschnitt keine größeren Anpassungsschwierigkeiten, wie etwa Atmungsprobleme, als durch eine normale Geburt. Aus einer englische Studie geht sogar hervor, dass vaginal geborene Kinder, die innerhalb der ersten sechs Lebensmonate geimpft wurden, den größten Anstieg des Stresshormons Cortisol verzeichneten, während die Kaiserschnittkinder den geringsten Stressresponse zeigten. Probleme, die unmittelbar nach der Geburt auftreten, sind offenbar eher auf eine Frühgeburt (die in den meisten Fällen als Sectio stattfindet) zurückzuführen als auf die Wahl der Geburtsmethode. Trotzdem sollte die Notwendigkeit, einen Kaiserschnitt vorzunehmen, immer sorgfältig geprüft werden. Schon allein deshalb, weil die Mutter wieder schneller fit ist, wenn sie ihrem Kind auf natürlichem Weg das Leben schenkt. "Das Geburtserlebnis wird von vielen Frauen als etwas so Wunderbares und Einzigartiges empfunden, spricht Prof. Wagenbichler aus seiner Praxis, "und diejenigen, die es nicht erlebt haben, leiden oft jahrelang, dieses erste, gemeinsame Erlebnis mit ihrem Kind "verpasst" zu haben.

Gynäkologen raten üblicherweise zu einer Geburt per Kaiserschnitt bei

  • einer Lageanomalie, z.B. Beckenend- oder Querlage
  • Behinderung des Kindes
  • einer Mehrlingsgeburt (abhängig von der Lage der Kinder und davon, ob die Frau schon Kinder geboren hat)
  • Ausbleiben der Wehen
  • Plazenta praevia (die Plazenta versperrt die Geburtswege)
  • nicht gegebenem Voraussetzungen für eine vaginale Geburt , etwa wenn der Kopf des ungeborenen Kindes sehr groß oder das mütterliche Becken zu eng ist
  • sämtlichen Notständen bei Mutter oder Kind (z.B. Sauerstoffmangel), die eine rasche Beendigung der Geburt erforderlich machen


Wussten Sie...
...dass die Bezeichnung Kaiserschnitt, die "sectio caesarea" nicht, wie viele vermuten, auf die Geburt von Julius Cäsar zurückzuführen ist, sondern sich vom lateinischen Wort "cadere" (=schneiden) ableitet ? Dass aber der Kaiserschnitt noch im vorigen Jahrhundert in adeligen Kreisen als extravagante Geburtsmethode galt ?



Sigrun Rux ist Mutter von Zwillingen und einer weiteren Tochter.
Sie ist als freie Journalistin mit Spezialgebiet Medizin und Psychologie tätig.
Auf ihrer Website finden Sie neben weiteren interessanten Themen auch ein Forum für Mehrlingseltern:


Zwillinge in Österreich
http://www.zwillinge.at

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