Geburt, die Stille

Geburt - die Stille

Es gibt viel Trauriges in der Welt und viel Schönes. 
Machmal scheint das Traurige mehr Gewalt zu haben 
als man ertragen kann. 
Dann stärkt sich indessen leise das Schöne 
und berührt unsere Seele.
 
Hugo von Hoffmannsthal

 

Die Stille Geburt
Trauerbegleitung durch Hebammen

 

Lange Zeit wurde der Tod eines ungeborenen oder neugeborenen Kindes in unserer auf Erfolg ausgerichteten Gesellschaft als absolutes Tabu betrachtet. Begriffe wie Fehlgeburt, Spätabort oder Fruchttod haben dazu beigetragen, dass die betroffenen Mütter es als einen Makel oder gar als persönliches Versagen betrachten, wenn ihr Kind nicht lebend zur Welt kommt oder kurz nach der Geburt stirbt. Eine Schwangerschaft wird als "Zeit der guten Hoffnung" bezeichnet und auch so empfunden. Wenn diese Zeit vorzeitig endet und das erwartete Kind nicht lebt, werden alle Hoffnungen, die sich mit diesem neuen Leben verbinden, zunichte gemacht. 

Nicht zuletzt durch Initiativen vieler engagierter Menschen aus verschiedenen Berufsgruppen findet in den letzten Jahren ein Bewusstseinswandel statt: es ist möglich geworden, über diese traumatischen Ereignisse offen zu sprechen und sich mit der besonderen Problematik auseinander zu setzen. Die Trauerbegleitung ist selbstverständlich(er) geworden. Damit kann endlich auch Hilfestellung erfolgen: Hilfe und Begleitung für Frauen und Familien in Trauer - aber auch Hilfe und Anleitung für Fachleute, denen sich die betroffenen Menschen anvertrauen. In der Geburtshilfe sind Hebammen, Frauenärzte, Kinderärzte und das Pflegepersonal in den Kliniken die ersten Bezugspersonen, wenn ein Kind tot geboren wird. Von ihren Reaktionen und Verhaltensweisen hängt es ab, wie die betroffenen Mütter (Eltern) mit einer solchen traumatischen Situation umgehen und wie sie die Trauer bewältigen können. 

Hebammen haben ein besonderes Verständnis vom Leben und damit auch vom Sterben. Oft sind sie mit den Frauen und ihren Familien schon bekannt und mit den Lebensumständen vertraut durch die Zeit der Schwangerschaft und Geburt. Der Umgang mit sterbenden und trauernden Menschen erscheint aber gerade Hebammen oft als sehr schwierig. Dieser Bereich wird zwar in der Ausbildung heute wieder gelehrt, die "ältere" Generation der Hebammen muss(te) sich aber oft mühsam einen Weg durch gesellschaftlich geltende Maßstäbe, gelebte Umgangsformen und hirarchische Klinikstrukturen suchen. Es ist deshalb wichtig, diesem besonderen Aufgabenbereich der Hebammentätigkeit in Zukunft mehr als bisher die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken - im Interesse aller Betroffenen. 

Die Akzeptanz der eigenen Gefühle, individuelle Lebenserfahrungen, Informationssuche und Fortbildungen, sowie die fachlich-menschliche Reflektion mit Kolleginnen sind nötig, um herauszufinden, in welchem Umfang man sich dem Thema Trauerbegleitung im Rahmen der Hebammenarbeit widmen möchte - und wie man selbst im Rahmen der Hebammenbetreuung mit diesen traumatischen Ereignissen und den betroffenen Menschen umgeht. 

Kathleen Willamowski, die seit vielen Jahren als Hebamme in der Klinik und der freien Praxis tätig ist, hat die Ergebnisse ihres persönlichen Weges zur Trauerbegleiterin in ihrer Facharbeit beschrieben. Ich hatte das Glück, als Kollegin und Freundin über die Jahre an vielen ihrer Gedanken teilnehmen zu dürfen. Mich hat neben dem grossem Engagement und der Sensibilität ganz besonders ihre Fähigkeit beeindruckt, sich in ihrer Überzeugung nicht beirren zu lassen und ihren Wunsch nach einem allgemein gültigen Standard für die Trauerbegleitung bei der Stillen Geburt zielstrebig zu verfolgen. 

Mit der Publikation der Arbeit verbindet sich deswegen insbesondere der Wunsch, eine kompetente und menschliche Trauerbegleitung in der Geburtshilfe überall zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen, damit Frauen und Familien, die die Tragödie der Stillen Geburt erleben müssen, in Zukunft zumindest nicht mehr um eine humane Behandlung zu kämpfen brauchen. 


Neben ausführlichen Informationen finden sich viele praxisnahe Beispiele, Anregungen zur Umsetzung in dieser (beruflichen) Ausnahmesituation und eine umfangreiche Referenzliste:

Die Stille Geburt 
Über den Umgang mit fehl- und totgeborenen Kindern 
und die Betreuung ihrer Mütter 
von Kathleen Willamowski 
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Silvia Skolik, Juni 2003

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