Leistenbruch beim Säugling

Leistenbruch

(Leistenhernie, Hernia inguinalis)

Was ist eine Leistenhernie? 

Eine Hernie ist eine Ausstülpung des Bauchfelles, welches den Bauchraum von innen auskleidet, durch anatomisch vorgebildete Bauchwandlücken oder Bauchwandschwachstellen (=Bruchpforte) und Hervortreten von Eingeweiden oder Organteilen aus der Bauchhöhle (=Bruchinhalt) unter der Haut. 

Hernien (z.B. Leistenhernien, Schenkelhernien oder Nabelhernien) sind häufige Krankheitsbilder (ca. 3% d. chir. Krankheitsbilder, ¾ davon entfallen auf die Leistenbrüche). 

Beim Leistenbruch tritt Darm durch den Leistenkanal. Der Leistenkanal ist ein 4-5cm langer Kanal, der die Bauchwand der Leistengegend von der Bauchhöhle zur Schamgegend durchsetzt. 

Beim Mann (auch bereits beim männlichen Säugling) enthält der Leistenkanal den Samenstrang sowie Gefäße und Nerven, die zum Hoden ziehen, bei der Frau/dem Mädchen das sogenannte runde Mutterband (ein Band, das von der Gebärmutter in die Schamlippen zieht) und Fettgewebe. 

Am häufigsten tritt der Leistenbruch im Kindesalter auf (=angeborene Leistenhernie) -fast alle in den ersten 6 Monaten-, verursacht durch einen nicht ausreichend verschlossenen Leistenkanal (sog. Processus vaginalis), v.a bei Knaben nach Herabgleiten des Hodens in den Hodensack (siehe Hodenhochstand). Das Häufigkeitsverhältnis zwischen Jungen und Mädchen liegt bei 8:1 zu Gunsten der Jungen. Bei Frühgeborenen ist fast jedes dritte Kind betroffen. In 90% der Fälle sind Jungen/Männer betroffen. In ca. 20% der Fälle tritt der Leistenbruch auf beiden Seiten auf. 


Wie macht sich ein Leistenbruch bemerkbar? 

Hauptsymptom der Leistenhernie ist eine Vorwölbung in der Leistenregion (beim Knaben auch bis in den Hodenbereich, beim Mädchen auch bis in die großen Schamlippen). Die Vorwölbung kann auftreten und wieder verschwinden, und kann durch Schreien provoziert werden.
Hinzukommen können Schmerzen in der Leistenregion (beim Kleinkind Schreien und Unruhe), z.B. beim Anspannen der Bauchmuskulatur, Erbrechen oder verminderte Leistungsfähigkeit.
Die Größe der Vorwölbung korreliert hierbei nicht unbedingt mit dem Ausmaß der Beschwerden, d.h. auch kleine Vorwölbungen (d.h. kleine Hernien) oder auch noch nicht unbedingt auffällige Vorwölbungen können schon starke Schmerzen hervorrufen. 


Was ist zu tun? 

Wenn Sie bei Ihrem Kind einen Leistenbruch vermuten, sollten Sie einen Kinderarzt anrufen oder aufsuchen, um die Diagnose bestätigen zu lassen und ein weiteres Vorgehen zu besprechen. 

Falls die Bruchgeschwulst sich hart anfühlt und/oder violett gefärbt ist, das Kind sich über Stunden nicht beruhigt, schreit und scheinbar Schmerzen hat oder Ihr Kind erbricht, sollten Sie unbedingt unverzüglich einen Kinderarzt oder eine Kinderklinik aufsuchen, da es sich schon um eine eingeklemmte Hernie handeln kann! 

Je jünger das Kind ist, desto höher ist die Gefahr der Einklemmung.
Bei einer Einklemmung (=Inkarzeration) kommt es zur Durchblutungsstörung des Darmes oder des Darmnetzes (sog. Omentum; daran ist der Darm an der Bauchhinterwand "aufgehängt") bis hin zum Absterben (Nekrotisierung) und ggf. bakterieller Infektion eines Darmstückes (sog. Darmgangrän) und nachfolgender Bauchfellentzündung (=Peritonitis). 

Versuchen Sie nicht, den Leistenbruch zurückzuschieben und unterlassen Sie Experimente mit Druckverbänden, da diese "Maßnahmen" mehr Schaden als Nutzen bringen! 


Wie wird ein Leistenbruch behandelt? 

Ein Leistenbruch wird in in den allermeisten Fällen operativ behandelt, weil die Gefahr der Einklemmung besteht. Eine absolute Operationsindikation besteht bei einer bereits eingeklemmten Hernie. 

Der Eingriff ist in Regionalanästhesie oder Vollnarkose möglich, auch kann die Operation endoskopisch durchgeführt werden (Laparoskopie; Hernioplastik). 
Das Prinzip der verschiedenen Operationsmöglichkeiten ist die Reposition des Darmes, d.h. des Bruchinhaltes, Verschluß der Bruchpforte und Verstärkung des Bauchfellbereiches, wo der Bruch erfolgte. 

Es gibt verschiedene Methoden der Wand-Verstärkung, die je nach Operateur und Patient gewählt werden, u.a. auch die Möglichkeit des Einsetzens eines kleinen Plastiknetzes an die Innenseite des Bauchraumes (sog. Herniotomie nach LICHTENSTEIN). 

Intraoperativ kann ein kleiner Katheter in die Leistenregion eingesetzt werden, über den postoperativ 3 mal täglich ein Lokalanästhetikum eingespritzt wird. Dies erleichtert dem Patienten die Mobilisation. 

Die Fäden werden meist nach ca. 1 Woche entfernt und für ca. 10 Wochen sollten keine schweren Lasten gehoben werden. Bei 2 bis 10% der Operierten tritt wieder eine Leistenhernie auf (Rezidiv). 

Wie jede Operation ist auch eine Hernien-OP nicht ohne Risiko oder mögliche Komplikationen. So kann während einer Hernienoperation der Samenstrang oder Gefäße verletzt werden, die zum Hoden ziehen. Früh entdeckt sind diese Komplikationen ohne Spätschäden therapierbar. 

Auch können Hautnerven irritiert oder verletzt werden, was zu Taubheitsgefühl oder Schmerzen in der Leistenregion führt. Diese verschwinden jedoch meist nach einiger Zeit. Weitere äußerst seltene Komplikationen sind Verletzungen des Darmes (mit der Gefahr der Bauchfellentzündung), der Harnblase oder der großen Beinvene (Vena femoralis).

Quellen (Auswahl):
  • CHIRUGIE, Lehrbuch, M. Müller, 1996/97
  • PSCHYREMBEL, klinisches Wörterbuch, 258. Aufl., Berlin, N.Y. 1997, deGruyter
  • KINDERHEILKUNDE; v. Harnack, Koletzko, 10. Aufl., Düsseldorf/München, 96/97, Springerverlag

Andreas Römer, Arzt

Weiterführende Information:

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