Marcovich, Marina

Sanfte Behandlung von Frühgeborenen

"Frühgeborene, wie unreif sie immer sein mögen,
sind Menschen, ja Persönlichkeiten und haben das Recht,
als solche behandelt zu werden."

Marina Marcovich 

Marina Marcovich, geboren 1952 in Wien, 1976 Doktorin der Medizin, Fachärztin für Kinderheilkunde - Intensivmedizin für Frühgeborene, war bis 1994 leitende Neonatologin am Mautner Markhof-Kinderspital in Wien, ehemalige Vizepräsidentin der deutsch-österreichischen Neonatologiegesellschaft, sowie Vorstandsmitglied der österreichischen Gesellschaft für perinatale Medizin. 

Marina Marcovich hat als erste Kinderärztin im deutschsprachigen Raum einen neuen menschenwürdigen Weg in der Behandlung Frühgeborener beschritten. Viele Mediziner haben ihren mutigen Schritt als Verrat an der Apparatemedizin verstanden. Der Kampf gegen die Kollegen in den eigenen Reihen hat ihr viel Ärger eingebracht, aber auch zur Diskussion in der Öffentlichkeit geführt. Eltern von Frühgeborenen sind für sie auf die Strasse gegangen, als die Bürokratie und der eigene Berufsstand ihr Steine in den Weg gelegt haben. Ihre menschliche Grundhaltung und ihre Erfolge sind bewundernswert und nicht zu übersehen. Unter ihrer Behandlung ist die Frühgeborenensterblichkeit deutlich gesunken. 

Ihre Behandlungsmethode für Frühgeborene vermeidet - wo immer möglich - den aggressiven Einsatz technischer Mittel. Die Einbindung der Eltern in die Frühgeborenenpflege, kontinuierlicher Hautkontakt und intensivste Beobachtung durch das Pflegepersonal verstärken die vorhandenen Fähigkeiten der Winzlinge. Der Einsatz invasiver Therapien wird vermieden oder auf ein Minimum reduziert. 

Bereits in der 18. Schwangerschaftswoche funktionieren alle Sinne eines Ungeborenen. Ein Frühchen kann sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken. Durch liebevolle Zuwendung und humane Behandlung hat Dr. Marcovich erstaunliche Erfolge in der Aufzucht von Frühgeborenen erzielt. 

Ihr Einsatz trägt Früchte. Leitende Kinderärzte finden den Weg zu einer humanen Behandlung von Frühgeborenen, der enge Kontakt zu den Eltern ist mittlerweile fast überall Standard. In vielen deutschen Frühgeborenenzentren wird Intensivmedizin heute mit der sogenannten "Känguruh-Methode" kombiniert. Dabei wird das nackte Baby auf die nackte Brust von Mutter oder Vater gelegt, Hautkontakt und Körperwärme ersetzen den Brutkasten. Psychologische Spätschäden werden durch den liebevollen Kontakt minimiert. Von Anfang an wird die Vertrauensbildung gefördert, traumatische Eingriffe vermieden. 

Die "Känguruh-Methode" wurde ursprünglich aus einer Notlage heraus in Kolumbien entwickelt, es gab nicht genügend Brutkästen. Ein überraschend grosser Teil der Frühgeborenen überlebte und war in seiner Entwicklung den anderen sogar vorraus. Heute gibt es wissenschaftliche Beweise dafür, dass sich Frühgeborene, die ab der Geburt in engem Hautkontakt mit den Eltern stehen und dem Einsatz der Medizintechnik nur wo unbedingt notwendig ausgesetzt sind, besser entwickeln. 

"Hautkontakt fördert den Reifeprozeß und die Entwicklung", sagt Professor Otwin Linderkamp, Neonatologe an der Heidelberger Universitätsklinik. Hier wird die "Känguruh-Methode" bei fast allen Frühchen angewendet. 

Im Evangelischen Waldkrankenhaus Berlin Spandau ist die Känguruh-Methode ebenfalls eine Selbstverständlichkeit. Hier setzt Prof. Schachinger auch die sog.Rezeptive Musiktherapie ein. Aus ganz kleinen Lautsprechern werden die Frühchen in den Brutkästen mit Mozart, Vivaldi und anderen Klassikern dosiert beschallt. Die Winzlinge bauen so Stress ab und gedeihen besser. 

Frau Dr. Marcovich hat einen neuen, humanen Weg in der Behandlung von Frühgeborenen beschritten, Ihr Einsatz und ihre Erfolge können auch von Ihren Gegnern nicht übersehen werden. Es bleibt zu hoffen, dass ihr Beispiel richtungsweisend ist. Sie beschreibt ihre Spiritualität im Kampf gegen die konventionellen Behandlungsmethoden mit einem Zitat von Lou Andrea Salome: "Was immer geschieht, ich verliere nie die Gewissheit, dass Arme hinter mir sind, mich aufzunehmen." 

Diese Aussage bedeutet für die Kinderärztin eine grosse innere Freiheit, auch unter schwierigen Bedingungen liebevoll mit anderen Menschen umzugehen. Sie sagt: "Sorgfalt und Achtsamkeit sind wesentlich im Umgang miteinander, man kann das aber nicht verordnen. Die einzige Chance ist, daß man versucht, es selbst so gut wie möglich zu machen." 

Der mutige Weg von Marina Marcovich gibt Anlass zu der Hoffnung, dass überall in der Behandlung von Frühgeborenen ein Richtungswechsel stattfindet. Menschenwürdige Behandlung muss an erster Stelle stehen.

  • Frühgeborene. Zu klein zum Leben? 
    Die Methode Marina Marcovich.

    Marina Marcovich, Maria Theresia de Jong
    Fischer tb; 1999; ISBN: 3596136989 

    Das sanfte Pflegekonzept der Wiener Kinderärztin Marina Marcovich - Einbindung der Eltern in die Pflege, Verzicht auf den Einsatz aufwendiger Technik wo immer möglich, eine menschenwürdige Behandlung der Winzlinge. Ihre Erfolge sind bahnbrechend. Eine bedenkenswerte Alternative zur klassischen Schulmedizin.
  • Hoffnung für eine Handvoll Leben
    Heidi Rinnhofer
    Fischer, Harald; 1997; ISBN: 3891311133 

    Eltern von Frühgeborenen beschreiben sowohl ihre Erfahrungen mit der konservativen Behandlung von Frühgeborenen als auch die sanfte "Methode Marcovich". Damit ermöglicht diese Buch einen direkten Vergeich der Behandlungsmethoden in der Frühgeborenenmedizin.

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