Oxytozin

Das Powerhormon setzt kraftvolle Instinkte frei.

Sexualität, Geburt und Stillen sind per se natürliche Lebensvorgänge. Sie dienen in erster Linie der Art-Erhaltung. Unsere Instinkte werden von Hormonen gesteuert. Diese setzen Gefühle, Kräfte und biologische Mechanismen in Gang, die notwendig sind, um naturgegebene Abläufe und Ereignisse wie Sexualität-Empfängnis-Schwangerschaft-Geburt-Stillen überhaupt erst zuzulassen und möglich zu machen.

Das Hormon Oxytozin* (engl. Oxytocin) sorgt auf wunderbare Weise für die emotionalen und physischen Kräfte, die wir brauchen, um Kinder zu empfangen, zu gebären, Geburtsschmerzen zu ertragen und wieder zu vergessen und um Muttergefühle zu entwickeln. Oxytozin wird im Hypothalamus (Region im Zwischenhirn) gebildet und im Hypophysenhinterlappen (Hirnanhangdrüse) gespeichert.

Oxytozin wird bei Bedarf durch Reflex ausgeschüttet und wirkt bei der Geburt auf die Muskulatur der Gebärmutter (Ferguson-Reflex). Nach der Geburt hat es Einfluss auf die Rückbildung der Gebärmutter. Es spielt eine ebenso wichtige Rolle beim Stillen (Let-Down-Reflex). Beim Geschlechtsverkehr wird Oxytozin sowohl vom weiblichen als auch vom männlichen Gehirn produziert und spielt somit eine Rolle im gesamten Fortpflanzungskreislauf.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse lassen die Vermutung zu, dass Oxytozin auch eine nicht unerhebliche Rolle bei der künstlichen Befruchtung spielt. Danach soll die Chance auf eine erfolgreiche Implantation bei zusätzlichem Geschlechtsverkehr in diesem Zeitraum - und eine damit verbundene erhöhte Ausschüttung von Oxytozin - erheblich steigen. Glückshormon?

Eine Geburt ist ohne Oxytozin gar nicht möglich.
Gegen Ende der Schwangerschaft wird die Muskulatur der Gebärmutter ansprechbar für Oxytozin und damit geburtsbereit. Gleichzeitig sorgen andere Hormone - Östrogene/Gestagene/Progesteron/Adrenalin/Prostaglandine/CRH (2) - für einen natürlichen und harmonischen Ablauf im Geburtsvorgang. Komplizierte biochemische Vorgänge (u.a. das Enzym Oxytocinase**) verhindern normalerweise in der Schwangerschaft eine Auslösbarkeit von Wehen.

Als Medikament findet Oxytocin ("Wehenmittel" ) (3) seine Anwendung heute fast routinemässig in der klinischen Geburtshilfe: als sog. Wehentropf oder zur Plazenta-Gewinnung nach der Geburt. Die Verabreichung erfolgt in Tablettenform, als Injektion (intravenös, intramuskulär) oder als Nasenspray. Wie bei jedem Medikament kann es zu Nebenwirkungen kommen.

Es soll an dieser Stelle nicht in Frage gestellt werden, dass die Gabe von Oxytocin als Medikament bei richtiger medizinischer Indikation absolut notwendig und hilfreich ist (u.a. als Wehen-Belastungstest, bei begründeter Geburtseinleitung, echter Wehenschwäche, Rückbildungsstörungen in der Nachgeburtsperiode und im Wochenbett). Der Sinn eines routinemässigen Einsatzes zur Verkürzung physiologischer Abläufe ist allerdings nicht erkennbar und sollte vermieden werden. Der Einsatz von Medikamenten oder medizinischem Gerät ist nur dann gerechtfertigt, wenn die physiologischen Abläufe gestört sind und Gefahr besteht.

Frauen aktiv und in Ruhe gebären lassen - muss oberstes Gebot einer fachkundigen, humanen und menschenwürdigen Geburts-Hilfe sein.

Mit dem Wissen um die natürlichen Abläufe und das Vertrauen in unseren eigenen Körper können wir Frauen gelassen auf die Aufgabe des Gebärens zugehen. Wir haben allen Grund, auf unsere naturgegebenen Kräfte zu vertrauen. Unsere Instinkte können uns dabei leiten. Gebären ist ein natürlicher Prozess - keine Krankheit.

Die Natur hat uns ihre eigenen kraftvollen Mittel zum Gebären geschenkt.
Nutzen wir sie richtig!



Hormone sind körpereigene (oder künstlich hergestellte) Wirkstoffe, die die Funktion anderer (wiederum hormonbildender) Organe steuern und biochemische Prozesse auslösen. Gonadotropin ist ein freisetzendes Hormon: es bewirkt die Ausschüttung und Bildung von Hormonen in der Hypophyse (Hirnanhangdrüse).

* [...] Oxytozin n.:
syn.Oxytozin* (INN); Nonapeptid bekannter Struktur, MG 1007; wird im Nucleus supraopticus u. Nucleus paraventricularis des Hypothalamus gebildet und im Hypophysenhinterlappen (HHL) gespeichert. Die Ausschüttung wird durch Reizung der genitalorgane, deren Dehnung b. der Geburt, den Saugakt sowie visuelle und olfaktorische Reize stimuliert. Wirkung: Milchejektion; Kontraktion der myoepithelialen Elemente in den Ausführungsgängen der Milchdrüsen (Mamma); Myometriumkontraktion (Uterus)...
[...] Während einer Schwangerschaft ist d. Uterusempfindlichkeit gegenüber O. sehr gering, kurz vor, während u. nach der Geburt dagegen sehr hoch (Laktation*). Der Abbau erfolgt durch Oxytozinase.

** Oxytozinase f.:
L-Zystin-Aminopeptidase; wahrscheinl. in der Plazenta, während der Schwangerschaft in steigenden Mengen gebildetes, Oxytozin* abbauendes Enzym; das Verhältnis von O. zu Oxytozin im Organismus hat physiol. Bedeutung f. das Ingangkommen der Wehen. O. gilt als biochem. Parameter z. Prüfung der Plazentafunktion.[...]....

Pschyrembel Klinisches Wörterbuch, 256. Aufl., S. 1235

* [...] Oxytozin
Oxytozin wird im Bereich des Hypothalamus gebildet und im Hypophysenhinterlappen gespeichert. Die Freisetzung erfolgt über bestimmte Reflexe: z.B. unter der Geburt der Ferguson-Reflex, nach der Geburt der Let-Down-Reflex.
Oxytozin wirkt direkt an der Muskulatur der Gebärmutter und an den Milchdrüsengängen. Die Wirkung ist je nach Schwangerschaftsdauer unterschiedlich. Der Oxytozinspiegel steigt erst am Ende der Schwangerschaft, sobald das Östrogen, welches die Oxytozinsynthese hemmt, stark absinkt. Die Kontraktionswirkung der Gebärmutter wird durch Oxytozin zudem koordiniert, d.h. synchronisiert.
Seit Ende der 50er Jahre wird Oxytozin in der Geburtshilfe eingesetzt, nachdem es 1953 erstmals isoliert werden konnte. Es gab Nebenwirkungen, die u.a. auf die Verwendung von Schweineoxytozin, das stark mit Vasopressin verunreinigt sein konnte, zurückzuführen waren. Sie haben seit der synthetischen Herstellung deutlich abgenommen, können aber - insbesondere nach der Gabe von Höchstdosen - trotzdem vereinzelt auftreten:
Hautausschläge
Beeinflussung des Herzrhythmus
Stimulation der Prostaglandinsynthese
....[...]

Das Hebammenbuch - Lehrbuch der praktischen Geburtshilfe, 3. Aufl. 2000


(2) Östrogene/Gestagene/Progesteron/Adrenalin/Prostaglandine/FSH/LH Hormone (oder hormonähnliche Stoffe), die von mütterlichen Organen, von der Plazenta oder vom Feten (Ungeborenen) gebildet werden. Im Zusammenspiel wirken sie an den 'Empfänger'-Organen. Sie haben sowohl Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf einer Schwangerschaft als auch auf den Beginn und Ablauf der Geburt.

(3) Oxytocin (Medikament) = Name des verwendeten Wirkstoffes. Oxytocin ist unter folgenden Namen im Handel: Orasthin®, Orasthin® stark, Oxytocin 10 Hexal®, Oxytocin 3 Hexal®, Oxytocin 5 Hexal®, Syntocinon®, Syntometrin® (Kombinationspräparat). Es ist in verschiedenen Stärken und Darreichungsformen (Tabletten, Ampullen, Spray) apotheken- und verschreibungspflichtig erhältlich.

Aufgrund der Bestimmungen des Heilmittelgesetzes dürfen wir Ihnen weitere Informationen zu verschreibungspflichtigen Medikamenten nicht zugänglich machen. Das Heilmittelwerbegesetz (HWG) besagt, dass diese Informationen den Fachkreisen vorbehalten sind. Deshalb:

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker…

Silvia Skolik, 2001

Quellen:
Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch
Das Hebammenbuch, Lehrbuch der praktischen Geburtshilfe
Pschyrembel, Prakt. Geburtshilfe mit geburtshilfl. Operationen
Myles Textbook For Midwives
Rote Liste, Arzneimittelverzeichnis
Gelbe Liste, Pharmindex
u.a.

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