Still- und Laktationsberatung

Einblick und Ausblicke

von Renate Pade

Als ich früher nach meinem Beruf gefragt wurde und Krankenschwester sagte, war jeder mit dieser Antwort zufrieden. Der ein oder andere fragte vielleicht noch nach, in welcher Abteilung (Krankenhaus war ja eh für jeden klar, wo sonst...) und das wars dann auch schon. Werde ich heute gefragt und sage "Ich bin Still-und Laktationsberaterin", sehen mich die meisten erst mal fragend an.
"Stilberatung, du bist also für Wohnungsdesign zuständig?"
"Nein, Still(!)beraterin."
"Ach so. Aber was ist Laktation, bitteschön ???"
"Nun, das ist die Milchproduktion, global gesagt"
"Ach ja, und da braucht man (frau) extra eine Ausbildung ?! Fürs Stillen ??"

Das bringt dann sehr oft eine Unterhaltung in Gange, die schon fast einer Diskussion gleicht und wenn ich dann auch noch mitteile, ich arbeite im Team eines Geburtshauses mit - tja, dann wird's erst so richtig spannend. Stillberaterin, nun ja, wenn's unbedingt sein muss, aber Geburtshaus, das ist ja dann noch mal eins oben drauf. Heute, wo man doch endlich die "Sicherheit der Geburtshilfe" in der Klinik hat...

Auch ich frage mich immer wieder, wie es soweit gekommen ist, dass man (frau) Müttern so etwas Elementares, Ursprüngliches wie das Stillen überhaupt erklären bzw. ihnen dabei helfen "muss".

Und dann erinnere ich mich gleich immer an das Erlebnis der Geburt unserer ersten Tochter vor sechzehn Jahren. Ich war Krankenschwester, habe auf der Geburtshilfe gearbeitet und war absolut sicher im Umgang mit Neugeborenen. Aber diese Sicherheit hörte scheinbar da auf, wo die Ernährung meiner geliebten kleinen Tochter anfing. Schlagartig war für mich fühlbar: ich weiss nichts über die doch so logische und natürliche Art, mein Kind mit meiner Brust zu ernähren. Für mich war im Vorfeld ganz klar: Stillen - was sonst!
Aber nun lag ich in meinem Bett in der Klinik, in der ich tätig war, und war völlig hilflos. Meine Kolleginnen haben sich abgewechselt mit den unterschiedlichsten Vorschlägen:
"Lass doch die Kleine erst mal bei uns im Kinderzimmer und erhole dich" war allerdings der einzige Vorschlag mit dem ich nicht einverstanden war.
"Auf keinen Fall", protestierte ich.
Da waren die ersten Reaktionen von Seiten meiner Mitarbeiter natürlich schon da. "Typisch zickige Wöchnerin. Aber irgendwie spinnen die eh bald alle und Krankenschwestern bzw. Kinderkrankenschwestern ja noch viel mehr."

Alle anderen Vorschläge habe ich natürlich ausprobiert :

  • Gib ihr doch vor der Brust die Flasche zur Beruhigung und ausserdem kommt ja sowieso noch nichts...
  • Die muss ja hungern, die arme Maus und kommt schlimmstenfalls noch in den Unterzucker...
  • Nach dem Anlegen musst du auf jeden Fall was nachgeben mit der Flasche...
  • Mit deinen Brustwarzen - da geht's halt nicht, die kommen nicht richtig raus. Ich bring dir ein Brusthütchen...

und so weiter und so fort ...

Für mich und mein Kind war es Stress pur! Erschwerend kommt die Reaktion der Umwelt hinzu. Stillen in der Öffentlichkeit - damals noch viel mehr tabu als heute. Und auch in der Klinik ist ja die Öffentlichkeit schon vorhanden. Da kommt ständig jemand ohne Vorwarnung ins Zimmer. Morgens um sechs Uhr, nach vielleicht drei Stunden Schlaf (und dies nicht mal am Stück) der erste Auftritt: Betten machen (ein für Wöchnerinnen wirklich überflüssiger Akt). Da liegt die Mutter erschöpft, endlich selig schlafend mit ihrem Baby im Arm und nun müssen beide aufstehen, denn jetzt wird das Bett aufgeschüttelt, so wie jeden Tag um diese Zeit.

[Vorschlag für Klinken welche diese Szenario auch heute noch praktizieren:
Die meisten Wöchnerinnen sind in der Lage, ihr Bett irgendwann im Laufe des Tages selbst aufzuschütteln und für jene, die Hilfe brauchen, wäre auch noch nach dem Frühstück genug Zeit das Bett zu machen.]


Danach geht's wild durcheinander. Krankenschwestern, Kinderärzte, Stationsärzte, Chefärzte (natürlich immer mit Gefolge), Hausmädchen und nicht zu vergessen die Besucher... Alle geben sich im Wechsel die Klinke in die Hand. Keine Spur von Intimsphäre - das ist Öffentlichkeit pur.

Ich sitze im Bett und werde mit jeder Stunde verzweifelter. Ja, das gibt's doch nicht, warum geht es mir so schlecht und warum bin ich zu blöd zum Stillen und mein Mädchen kapiert auch nicht, was sie machen soll? Okay, da bleibt nur noch die Flucht nach Hause, frei nach dem Motto: schlimmer kann es nicht werden.
Jedoch weit gefehlt. Eine Nachsorgehebamme war zu dieser Zeit kein Thema, aber immerhin hatte ich mir eine elektrische Milchpumpe ausgeliehen und mit aller Zuversicht gepumpt bis zum Abwinken. Der Zug war allerdings schon abgefahren. Bei soviel Stress über mehrere Tage hin, da hat sich das Hormon Oxytocin (unter anderem zuständig für den Milchspendereflex) ausgeklinkt und das Hormon Prolaktin (unter anderem zuständig für die Milchproduktion) hat sich gesagt, na dann mach ich auch nicht mehr mit. Nach weiteren fünf Wochen der Qual habe ich unter Tränen aufgegeben und mir gesagt: lieber eine Mutter mit Flasche als in die geschlossene Anstalt zwangseingeliefert werden. Was hätte ich in dieser Situation darum gegeben, den Rat einer Stillberaterin in Anspruch nehmen zu können!

Einige Dinge haben sich in so mancher Klinik seither verbessert, aber dieser Erfahrungsbericht könnte auch von vorgestern oder übermorgen sein.

Es ist nicht die Böswilligkeit des Pflegepersonals und der Ärzte, die immer wieder zu diesem Chaos führt, sondern die Unwissenheit vieler Fachleute. Bis zu meiner Weiterbildung ging es mir selber nicht viel anders. Auch ich habe aus Unwissenheit heraus viele Fehltips gegeben und es fängt schon bei der Anlegetechnik an. Da haben wir den Müttern das Kind an die Brust gepresst und mit der "fachkompetenten" Hand verzweifelt versucht, dem Neugeborenen die Brustwarze der Mutter in den Mund zu quetschen - anstatt der Mutter zu zeigen wie sie es selber machen kann. Heute ist mir alles sonnenklar, bei solch einem Eingriff in die Intimsphäre und in die besondere Symbiose zwischen Mutter und Kind sträubt sich jedes einzelne Atom, ganz zu schweigen von den so wichtigen Hormonen, wie z.B. Oxytocin und Prolaktin.

Für mich war es noch nie wirklich stimmig, beim Anlegen derart einzugreifen, und so war es für mich eine Erlösung, bei meinem ersten Seminar vom Ausbildungszentrum für Laktation und Stillen zu lernen, dass dies auch nicht gerade der beste Weg ist, um Mutter und Baby behilflich zu sein.
Die ganze Ausbildung war für mich wie eine Offenbarung - ständiges "ja klar, wie logisch" oder "wieso sind so selbstverständliche Dinge so wenig selbstverständlich". Es hat mich überflutet und ich sah endlich einen Weg, wieder gut zu machen, was ich bei mir und meinen zwei Mädchen mangelns Wissen nicht zu tun in der Lage war.

Zu meiner zweiten Geburt will ich nur soviel sagen: als ich mit meiner zweiten Tochter schwanger war, war mir von Anfang an (leider) klar, dass ich mich dieser "Tortour" nicht mehr ausliefern würde. Mein damaliger Gynäkologe und meine Kolleginnen hatten mir gesagt "bei dir geht's halt net" und dabei habe ich es dann belassen. Es würde hier zu weit führen zu erzählen, wie oft mich dieses, in meinen Augen, Versagen schon gequält hat und mitunter auch noch heute immer wieder in kleineren und auch grösseren Momenten belastet.

Allerdings sehe ich heute auch ein Riesenpotential in meiner Erfahrung, gekoppelt mit meiner Ausbildung. Ich werde nicht müde, mich immer wieder auf's Neue ganz der Stillproblematik und der daraus resultierenden Stillberatung mit Leib und Seele zu widmen. Es ist für mich die Herausforderung schlechthin. Vielleicht erspüre ich Manches mehr oder sehe Vieles auch nur aus anderer Sicht, als Frauen mit einer gelungenen Stillbeziehung. Ich habe erkannt, wie wichtig es ist, Müttern die stillen wollen, mit voller fachkompetenter und psychischer Unterstützung zu Seite stehen. Es ist mittlerweile erwiesen, dass nicht nur die Kinder, sondern auch die Mütter von einer guten Stillbeziehung - und zwar weit über den Zeitraum des Stillens hinaus - profitieren.

Nach 17 Jahren habe ich mich von der Klinik verabschiedet. Es war ein Prozess, der sich über fast drei Jahre hinzog. Mit meinem heutigen Wissenstand, der sich hoffentlich ständig erweitert, ist es mir nicht möglich, mich mit Kollegen - egal ob Ärzte, Hebammen oder Schwestern - die nicht in der Lage sind, sich auf neue (eigentlich alte) Wege einzulassen - tagtäglich, um nicht zu sagen stündlich, auseinanderzusetzen und zu kämpfen. Obwohl ich weiss, wie wichtig es gerade in den ersten Tagen in der Klinik ist, hier Pioniersarbeit zu leisten. Darum bewundere ich auch jene Kolleginnen, die sich auf diesen Weg, ja manchmal sogar Kampf einlassen können. Für die Mütter sind diese Kolleginnen kostbares Gut.

Um meine Persönlichkeit entfalten zu können und nicht die Kraft zu verlieren, habe ich mich jedoch entschieden, in die Freiberuflichkeit zu gehen und zusätzlich mit dem Team des Geburtshauses Ingolstadt, mit dem ich mich sehr verbunden fühle, zusammen zu arbeiten. Es ist eine wahre Bereicherung, endlich mit Frauen zu arbeiten, von denen jede eine starke Persönlichkeit ist und gleichzeitig aber auch andere Standpunkte stehen lassen kann und somit die Arbeit mit den (werdenden) Müttern zu erweitern und zu bereichern. Ich finde es immer wieder schade, wie wenig Toleranz und Offenheit doch unter medizinischem Fachpersonal des öfteren vorhanden ist. Da fühlen sich Ärzte von Hebammen oder Schwestern in ihrer Kompetenz angegriffen, oder Hebammen von Schwestern oder Stillberaterinnen oder umgekehrt und wie auch immer. Jeder könnte aus seinem Fachbereich Wissen einbringen und dadurch wirklich gute, ganzheitliche Betreuung für Schwangere, Mütter und Kinder (die ja nach wie vor unsere Zukunft bedeuten) anbieten. Es tut sich im Ganzen gesehen auch sehr viel auf dem Gebiet der Zusammenarbeit, aber einzeln betrachtet steckt dieses Projekt manchmal noch in den Kinder-, um nicht zu sagen in den Babyschuhen.

In meinem Alltag als Stillberaterin passiert es mir leider nicht selten, dass z.B. Ärzte zu einer Mutter, die ich ihnen geschickt habe, mit der Diagnose "Soor" sagen "da ist nichts". Da wird nicht mal ein Abstrich gemacht. Es kann ja scheinbar nicht sein, das irgendeine "x-beliebige Stillberaterin" sich traut, Diagnosen zu stellen. Tage, manchmal leider erst Wochen später landet die Mutter wieder völlig verzweifelt bei mir, mit einem Pilzbefall, der einem schon von Weitem ins Gesicht springt und erzählt mir, sie war auch vor zwei Tagen noch mal beim Arzt, weil die Schmerzen in der Brust immer stärker werden und er sagt, da ist nichts...

Das sind Momente, da bin ich völlig fassungslos über die Ignoranz solcher Ärzte. In diesem sinnlosen Konkurrenzkampf sind die einzigen Verlierer und wirklich Leidtragenden die Mutter und ihr Baby. Ganz häufig geschieht es, dass ein Kind mit Nystatin behandelt wird wegen Pilzbefall im Mund, die Mutter jedoch nicht. Wenn ich sie dann bitte, noch mal zum Arzt zu gehen und auch für sich ein Rezept zu holen, wo es doch eigentlich selbstverständlich sein sollte, eine stillende Mutter mitzubehandeln, der Arzt ihr mitteilt "das braucht es nicht, denn Sie haben keine Symptome"...

Es macht sich so manches Mal Sprachlosigkeit breit, auch angesichts vieler Tips, die Mütter von ihren Hebammen bekommen. Angefangen von der Empfehlung, mit Tee zuzufüttern bei gesunden Neugeborenen bis hin zu der Aussage, Kinder nachts nicht anzulegen, damit sie lernen durchzuschlafen...
Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele unsinnige Empfehlungen von Fachpersonal an die Mütter weitergegeben werden. Die Mütter allerdings vertrauen doch auf die Aussage von uns als Fachfrauen, wäre es da nicht wirklich sinnvoll, sich zusammenzutun, sich zu vernetzen und endlich sein eigenes Ego ruhen zu lassen - den Müttern und ihren Kindern zuliebe?

Ich appelliere an uns alle, einschliesslich mich selber, für mehr Zusammenarbeit und Offenheit unter den einzelnen Disziplinen rund um Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit einzutreten.

Des weiteren hoffe ich, dass sich in Zukunft noch ganz viele Schwestern, Hebammen, Ärzte und Kinderärzte die Zeit nehmen bzw. Interesse zeigen oder sich weiterbilden zur (zum) Still- und Laktationsberater(in). Es ist für jeden von uns von so immenser Bedeutung, gerade am Anfang des Lebens liebevoll empfangen zu werden und mit allem uns zur Verfügung stehendem Wissen unterstützt zu werden, um der Welt im Ganzen eine Chance zu geben, sich positiv weiter zu entwickeln.

Lasst uns aus unseren negativen und positiven Erlebnissen der Vergangenheit gemeinsam eine bessere Zukunft bauen. Es ist wunderschön und auch für die eigene Seele immer wieder heilendes Balsam, wenn mir eine Mutter zum Beispiel mitteilt: "Ohne dich hätte ich aufgegeben und jetzt stille ich schon über acht Monate."

Wenn wir uns für die Mütter und Ihre Babies engagieren, kommt es nicht nur ihnen zu Gute, auch wir bekommen es doppelt und dreifach zurück.

Januar 2003

Renate Pade
ist Krankenschwester und Still- und Laktationsberaterin IBCLC (International Board Lactation Consultant). Als Stillgruppenleiterin, Kursleiterin für Baby- und Kindermassage, Babyschwimmen und Wassertraining für Schwangere arbeitet sie u.a. im Geburtshaus Ingolstadt. Auf ihrer Webseite www.babyverwoehn.de ist mehr über sie zu erfahren.

Weiterführende Information zum Thema Stillen und Stillberatung:

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