Stillen - Erotik vom Feinsten

Weise Einrichtung von Mutter Natur

von Hannelore Vonier

Beim Stillen kommt es, wie beim Orgasmus der Frau, zu einer Ausschüttung des Hormons Oxytozin aus der Hypophyse (Hirnanhangdrüse). Daher erleben Frauen, die diesen Impuls nicht unterdrücken, während des Stillens durch die Sekretion von Oxytozin häufige Orgasmen. Eine weise Einrichtung der Natur zum Besten der Nachkommenschaft, denn Orgasmen verhindern Gewalttätigkeit und fördern intensive Liebesbeziehungen.

Den Patriarchen war und ist diese Tatsache bis heute noch sehr unangenehm. So wurden die beim Stillen über die Frau ganz spontan kommenden Orgasmen auch von Siegmund Freud als unnatürliche und eher männliche Reaktion bezeichnet; denn nach Freud ist ein bei der Frau nicht durch die vaginale Penetration ausgelöster Orgasmus nicht geschlechtstypisch und beinhaltet eher einen maskulinen Aspekt.

In bestimmten religiösen Kreisen gilt Stillen als Kindesmissbrauch! Müttern wird hier von Ärzten das Abstillen und Füttern mit der Flasche empfohlen, weil es ansonsten zu ‚perversen Beziehungen’ komme.

Hans-Jürgen Döpp berichtet, dass es unter der hysterischen Debatte des Kindesmissbrauchs in den USA sogar zu einer Anzeige kam, als eine Mutter gestand, beim Stillen Lustempfindungen gehabt zu haben. Dies ist ein extremes Beispiel des Tabus, mit dem das Stillen aber auch andernorts belegt ist.

Stillen in der Öffentlichkeit erregt immer noch Aufsehen und ist an vielen Orten außerhalb der eigenen vier Wände einfach nicht möglich, ohne dass sich die Mutter, und auch die Anwesenden, befangen und unbehaglich fühlen. In den USA ist Stillen in der Öffentlichkeit ein völliges Tabu und würde auch heute noch in einigen Staaten als unsittliches Verhalten bestraft.

Die Fähigkeiten und aktiven Bestrebungen eines Säuglings zur Unabhängigkeit werden häufig übersehen und Babys werden als passiv und hilflos wahrgenommen. In Wirklichkeit wird das Neugeborene mit enormen Anforderungen konfrontiert, um neue Funktionen der Unabhängigkeit zu entwickeln. Diese Funktionen schließen Atmung und Verdauung, Regulierung der Körpertemperatur, Nahrung und emotionale und sexuelle Bedürfnisse ein.

Um dieses Unabhängigkeitsstreben zu erfüllen, muss das Kind die biosoziale Kooperation mit einer anderen Person (der Mutter) durchleben, und zwar in einer gegenseitig erfüllenden, angenehmen, in hohem Maße emotional aufgeladenen Beziehung:

Wenn sie nicht eingeschränkt sind, entwickeln sich Babys sehr schnell beim Bewältigen von kontrollierten Bewegungen. Die Haut ist warm und rosafarben, der Körper ein weiches und flexibles Energiesystem, das aus sich heraus Kontakt mit seinem Umfeld herstellt und sich entsprechend den äußeren Notwendigkeiten formt.

Die Augen sind offen, aufrichtig und ernst. Der Mund ist ein bemerkenswertes und gut entwickeltes, funktionierendes Organ. Die Stärke und Zugkraft beim Saugen sind erstaunlich; wenn man einem Baby den Finger zum Saugen gibt, spürt man einen starken und rhythmischen Reflex, der binnen Kurzem energetische Strömungen im Finger erzeugt, die allmählich in den Arm hinauf fließen.

Es ist einfach, den Effekt auf die Brustwarze der Mutter zu verstehen; beim Stillen wird die Energie durch den Körper geschickt, bis sie ins Becken strömt. Wenn die Mutter auf das Kind reagiert, wird ein tiefes Gefühl der Liebe mit genitalen Empfindungen erlebt.

Das Stillen ist ein zentraler Teil des Prozesses, mittels dessen das Baby in der Beziehung zur Mutter seine eigenen Bedürfnisse in einer Weise erfüllt, die für beide angenehm ist. Das schließt den Bedarf an Nahrung, Wärme, Trösten, Kontakt zur Umgebung und einer anderen Person, so wie Gefühlsäußerungen ein (besonders das Gefühl des Genießens, das im Kind mit dem Ausdruck der Liebe für seine Mutter identisch ist). In einigen Fällen kann das Neugeborene Energie beim Stillen freisetzen, sich ‚entladen’:

Am Höhepunkt der Intensität bewirkt der Mund des Babys eine energetische Entladung mittels einer konvulsiven Reaktion, die passenderweise Mundorgasmus genannt werden kann.

Dieser orale Orgasmus tritt nur bei gesunden Kindern auf, die guten Kontakt zu einer Mutter haben, deren Brustwarzen empfindsam, lebendig und warm sind. Ein solcher Kontakt ist lebenswichtig für das Kind und auch bedeutend für die Mutter.

Am Ende des Stillens ist häufig ein Beben der Lippen des Kindes zu beobachten. Dieses Zittern breitet sich über das Gesicht aus und endet schließlich in Vibrationen und weichen konvulsiven Bewegungen des Kopfes und der Kehle, manchmal des vollständigen Körpers.

Die Augen drehen sich oben unter die Augenlider und das Baby gibt sich vollkommen diesem angenehmen Gefühl hin.

Das natürliche Verhältnis zwischen Mutter und Kind wird in unserer Gesellschaft nicht besonders geschätzt. Eine Konsequenz davon ist ein Mangel an Verständnis der unterschiedlichen Funktionen des Stillens. Die Unterscheidungen zwischen Ernährungs-, emotionalen und sexuellen Funktionen, die das Kind und der Körper der Mutter zu entladen versuchen, werden verwischt. Dieses Verwischen der Funktionen hat im Allgemeinen zerstörerische Konsequenzen.

Müttern dabei zu helfen, den Kontakt mit ihrem eigenen natürlichen Empfinden zu den einzelnen Funktionen des Stillens herzustellen, kann entscheidend sein, um unnötiges Elend abzuwenden.

Quellen: Buchheit, Hubertus J.: Erotische Beziehungen unter dem Aspekt von Yin und Yang: Plädoyer für eine Religion ohne Erbsünde, ohne Hölle und ohne Sexualangst; Döpp, Hans-Jürgen: Objekte der Begierde - Zur Erotik des Tastsinns; Harman, Robert A.: Two Cases of Difficulties in Breast-Feeding.

Wir danken der Autorin für die freundliche Erlaubnis zur Publikation. Hannelore Vonier publiziert die Webseite „Über die gewaltfrei Gesellschaft: Matriarchat“ mit lesenswerten Beiträgen wie Medizin - Die Norm ist männlich, Die Geschichte der Urfrau Menses, Der Lebensrhythmus, Karuna - mütterliche Liebe, Wie kommen wir zu einer menschlichen Zivilisation? u.a. http://www.matriarchat.info/

Sehenswerte Kurzfilme:

Am Anfang war die Frau.
http://www.matriarchat.net/

Am Anfang kannte der Mann seinen Weg.
http://www.matriarchat.info/images/stories/flash/mann/desmannesweg.html

August 2006

Zurück