Zirkumzision

Beschneidung beim männlichen Neugeborenen (Zirkumzision)

Was ist Beschneidung?

Beschneidung (=Zirkumzision) ist die operative Entfernung der Vorhaut des Penis. Die Vorhaut (Praeputium) besteht aus zwei Blättern, einem äußeren und einem inneren Blatt. Diese sind gegeneinander verschieblich. Beide werden bei der Beschneidung entfernt. Mit einem kleinen Bändchen (Frenulum) ist die Vorhaut an der Eichel (Glans penis) befestigt, welches bei der Beschneidung zum größten Teil mitentfernt wird.


Warum wird Beschneidung durchgeführt?

Zunächst einmal werden männliche Neugeborene aus religiösen oder rituellen Gründen beschnitten (Juden, Moslime). Weltweit sind ca. 25% der Männer beschnitten.
Vor allem in den USA wird die Beschneidung des Neugeborenen fast routinemäßig durchgeführt (jährlich ca. 1,4 Millionen Beschneidungen, Tendenz rückläufig), wogegen in Europa eher wenig männliche Neugeborene beschnitten werden. In den USA werden Beschneidungen so häufig durchgeführt, um mögliche Folgen, die im Zusammenhang mit mangelnder Hygiene beim unbeschnittenen Jungen bzw. Mann entstehen können, zu verhindern. Diese Begründung ist stark umstritten und wissenschaftlich nicht haltbar.

Für Entzündungen der Eichel (Balanitis), meist mit Beteiligung der Vorhaut (Balanoposthitis), Verengung der Vorhaut (Phimose) - z.B. auch durch chronische bzw. immer wiederkehrende Entzündungen -, Entzündungen des Harntraktes, wie z.B. Blasenentzündung (Zystitis), Harnröhrenentzündung (Urethritis) oder Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis), kann bei mangelhaft durchgeführter Genitalhygiene beim Unbeschnittenen ein erhöhtes Risiko bestehen. Auch für die Entstehung von Geschwüren am Penis und des Gebärmutterhalses der Frau (zervix uteri) werden Viren (human papilloma virus) und die bei unzureichender Genitalhygiene entstehenden Zell- und Sekretreste (smegma penis) mitverantwortlich gemacht.

Ob auch die Übertragungrate von sexuell übertragbaren Krankheiten beim Unbeschnittenen erhöht ist, ist noch in Studien zu klären und spielt in der europäischen Bevölkerung wohl nur eine untergeordnete Rolle.

OB NUN EINE BESCHNEIDUNG ALS PROPHYLAXE ZUR VERHINDERUNG VON MÖGLICHEN FOLGEN DURCHGEFÜHRT WERDEN SOLLTE ODER OB DIE ERZIEHUNG ZUR SORGFÄLTIGEN, TÄGLICHEN GENITALHYGIENE NICHT EBENSO AUSREICHT, SOLL AN DIESER STELLE NICHT GEKLÄRT WERDEN! DIE FRAGE, OB SIE IHR KIND BESCHNEIDEN LASSEN, SOLLTEN SIE IM GESPRÄCH MIT IHRER BEHANDELNDEN ÄRZTIN/IHREM BEHANDELNDEN ARZT BESPRECHEN UND KLÄREN.

Bei Neugeborenen, bei denen Mißbildungen bzw. Abnormalitäten des Harntraktes oder des Genitals bestehenden, oder bei Jugendlichen/Männern mit bleibender Verengung der Vorhaut (Phimose), wird die Beschneidung als medizinisch indizierte Preventionsmaßnahme (Vorbeugung) durchgeführt.


Wie wird eine Beschneidung beim Neugeborenen durchgeführt?

Hierbei handelt sich um die operative Entfernung beider Vorhautblätter (inneres und äusseres) nach Lösung von Verklebungen des inneren Vorhautblattes mit der Glans penis.

Der Neugeborene kann auf einem speziellen Tischchen (Circumstraint) fixiert werden, um störendes Strampeln und zu ausladendes Bewegen einzudemmen. Natürlich muß die Beschneidung unter streng antiseptischen / sterilen Bedingungen durchgeführt werden. Der Penis wird mit antiseptischer Lösung bestrichen und ein kleines Operationstuch über den unteren Körperteil des Babys gelegt, nur das "Operationsfeld" bleibt frei.

Manche Ärzte verwenden lokale Anaesthetika (örtliche Betäubungsmittel), die mit einer sehr dünnen Nadel appliziert werden oder in Form von Salben oder Cremes aufgetragen werden; nicht alle Urologen halten dies jedoch bei Neugeborenen für unbedingt erforderlich. Bei älteren Kindern (sowie bei Jugendlichen und Männern) wird der Eingriff in Narkose druchgeführt.

Da die Vorhaut des Neugeborenen noch durch einen Membran (Synechia) an der Eichel fixiert ist (und auch in den ersten Lebensjahren nicht zurückgezogen werden sollte!), muß zunächst diese lockere Verbindung mit einer kleinen Klemme gelöst werden und die Vorhautöffnung geweitet werden.

Nun gibt es mehrere Möglichkeiten, die Vorhaut zu entfernen: die Vorhaut kann mit einem Skalpell abgeschnitten und danach vernäht werden oder mit einer sogenannten Gomco-Klemme (ein chirugisches Instrument speziell für die Beschneidung) "abgeknippst" werden oder unter Verwendung der sogenannten Plastic-bell-Methode (Plastikglocke) entfernt werden. Bei dieser Methode wird eine kleine Plastikglocke unter die gespreizt Vorhaut über die Eichel geschoben und die Vorhaut anschließend am Glockenring abgebunden. Da hierdurch die Blutversorgung der Vorhaut unterbunden wird, stirbt diese relativ schnell ab und kann so entfernt werden.

Komplikationen: sehr selten Infektionen und Nachblutungen. Über die emotionalen traumatisch bedingten Spätfolgen sowie eingeschränkte Sensibilität liegen uns keine Studien vor.

Diese Behandlung kann ambulant erfolgen.

Andreas Römer, Arzt



Weitere Informationen:

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"Die Vorhaut ist ein kleiner beweglicher Hautlappen, der die Eichel des Penis umschließt. Entgegen dem bisherigen Glauben, dass durch die Beschneidung männlicher Kinder der Peniskrebs, der Gebärmutterkrebs (wegen der besseren Hygiene beim Verkehr), Harnleiterinfekten u.a. verringert werden, hat sich gezeigt, dass die Beschneidung praktisch keine positiven medizinischen Folgen besitzt. Schon gar nicht in den hygienisch entwickelten Industrieländern und Schwellenländern. Im Gegenteil: vor allem im höherem Alter, wenn die Vorhaut gut entwickelt und durchblutet ist, sind eine Reihe negativer Folgen wie Entzündungen nicht selten. Es sei erwähnt, dass in den USA jeder derartige Eingriff dem Operateur ca. 100-200 Dollar an Gebühren bringt. Eine nicht unbeträchtliche zusätzliche Einnahmequelle. Bei einer Phimose, einer krankhaften Verengung der Vorhaut, ist es jedoch oft angesagt, diese operativ entfernen zu lassen, obwohl es auch konservative Therapien, z.B. mit Hormonen, gibt.


Rechtliche Aspekte
Bei der Frage, ob eine Beschneidung von Kindern oder Jugendlichen rechtlich erlaubt ist, muss differenziert werden: Als erstes ist zu klären, ob der Betroffene selber wirksam in den Eingriff einwilligen kann. Das ist dann der Fall, wenn er fähig ist, die Tragweite und Bedeutung der Zirkumzision zu erfassen und seinen Willen nach dieser Erkenntnis auszurichten. In der Regel wird die Einsichtsfähigkeit erst nach Vollendung des 16. Lebensjahres vorliegen. Eine feste Grenze gibt es jedoch nicht - die Frage ist einzelfallabhängig (oft wird als Grenze auch erst die Vollendung des 18. Lebensjahres genannt).

Ist die Einsichtsfähigkeit zu bejahen, dann kann der Betroffene selber wirksam in den Eingriff einwilligen. In diesen Fällen ist es egal, ob der Eingriff medizinisch notwendig ist (etwa bei einer Phimose) oder ob er aus ästhetischen, hygienischen oder religiösen Gründen vorgenommen werden soll.

Liegt die Einsichtsfähigkeit hingegen nicht vor, kann der Betroffene selber nicht wirksam einwilligen. Die Einwilligung kann aber von den Personensorgeberechtigten (etwa den Eltern) erklärt werden. Hier sind wiederum zwei Konstellationen zu unterscheiden: Die Einwilligung ist wirksam, wenn der Eingriff medizinisch notwendig ist (etwa bei einer Phimose). In solchen Fällen begeht der Operateur zwar eine Körperverletzung, sein Handeln ist wegen der wirksamen Einwilligung aber nicht rechtswidrig, also straflos.

Anders liegt der Fall bei Beschneidungen, die ohne medizinische Notwendigkeit vorgenommen werden (etwa aus ästhetischen, hygienischen, rituellen oder religiösen Gründen). Dann ist eine Einwilligung der Personensorgeberechtigten stets unwirksam, weil solche Eingriffe in die körperliche Integrität nicht dem "Wohl des Kindes" entsprechen. Ein Operateur, der an einem minderjährigen und nicht einsichtsfähigen Jungen eine medizinisch nicht notwendige Zirkumzision vornimmt, macht sich strafbar, jedenfalls wegen (einfacher) Körperverletzung nach § 223 Absatz 1 des Strafgesetzbuchs (in der Regel dürfte sogar eine gefährliche Körperverletzung nach § 224 des Strafgesetzbuchs vorliegen). Auch die Eltern machen sich in solchen Fällen strafbar, nämlich wegen Beteiligung an der Körperverletzung.

Quelle:
Holm Putzke: Die strafrechtliche Relevanz der Beschneidung von Knaben. Zugleich ein Beitrag über die Grenzen der Einwilligung in Fällen der Personensorge, in: H. Putzke u.a. (Hrsg.), Strafrecht zwischen System und Telos, Festschrift für Rolf Dietrich Herzberg, Mohr Siebeck: Tübingen 2008, S. 669-709

Holm Putzke: Juristische Positionen zur religiösen Beschneidung, in: Neue Juristische Wochenschrift (NJW) 2008, S. 1568-1570

Holm Putzke: Rechtliche Grenzen der Zirkumzision bei Minderjährigen. Zur Frage der Strafbarkeit des Operateurs nach § 223 des Strafgesetzbuches, in: Medizinrecht (MedR) 2008, S. 268-272

 



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